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3. Juli 2022

Das erste Medizin-Modell

Nach Hippolytus von Rom (gestorben um 235) soll Zarathustra Pythagoras gesagt haben, dass „die Ursachen aller seienden Dinge von Anbeginn an zwei sind, nämlich Vater und Mutter. Und der Vater ist das Licht und die Mutter die Dunkelheit: Und die Teile des Lichts sind die Wärme, die Trockenheit, das Leichte und Schnelle, und die der Dunkelheit das Kalte, Feuchte, Schwere und Langsame. Und aus diesen, aus Mann und Frau, setzt sich der gesamte Kosmos zusammen.“ (Hippolytus: Refutatio contra omnes haereses, zitiert aus Paul Wendland: Refutatio Omnium Haeresium,1897, Nachdruck: de Gruyter Verlag

Zur Geschichte des Dualismus und der Phasen

Download: TQJ 2022 1:14-21

Vier Säfte Lehre
Die vier Säfte-Lehre (Graphik: Jäger), ~300 v.u.Z.

Unani: Weiterleben alter griechischer Medizin

Varianten der Unani-Lehre (wie Ayurveda und Tibetanische Medizin) integrierten zusätzlich viele weitere traditionelle Heilkräuterlehren, Massagetechniken, schamanistische Rituale und religiös-vedische oder buddhistische Konzepte.

Ayurveda (Sanskrit: Ayu – Leben und Veda – Wissen) entwickelte sich aus schamanistischen Heilritualen, Yoga-Philosophie und der griechischen Medizin vor etwa 2.000 Jahren (Charaka Samhita).

Ziel dieses esoterischen Gemischs aus Bewegung, Meditation, Kräuterlehre, Philosophie, Religion und antiker Wissenschaft war es, „Körper, Geist und Seele“ in eine harmonische Balance zu bringen.

Moderne ärztliche Yunani-Praxis in Indien. Bild: Ahmel Kahn 2017

Das kann bei Ayurveda sehr angenehm und nützlich sein: Entspannung und Erholung durch liebevolle Massagen mit heißem Öl, räkelnde Dehn-Übungen, leichte Meditation  und köstlich-vegetarisches Essen.

Wenn aber zusätzlich der „Darm gereinigt“ werden soll, wird es gefährlich, da dann das Mikrobiom Schaden erleiden kann. Werden zusätzlich Medikamente verabreicht, von denen niemand sagen kann, was sie enthalten, woher sie kommen, wie sie zubereitet und gelagert wurden, kann es hoch-riskant werden.

ayurvedic man
Ayurvedic Man (18th century, pen and watercolour): Encounters with Indian medicine. Wellcome Collection

Ayurvedische Mittel können u.v.a. Blei, Quecksilber, Arsen und Pestizide enthalten, je nachdem welche Dünge-, Spritz- oder Bewässerungsmittel die Kräuter-Bauern und Händler verwandten, in welchen Kesseln dann Schwermetalle abgerieben, und in welchen Dosierungen die Mischungen unterschiedlichster Inhaltsstoffe zusammengerührt wurden. (Chen 2015)

Viele heutige Unani-Mediziner in Afghanistan, Pakistan und Indien versuchen ihre Methoden zu standardisieren, verschulen ihre Ausbildungsgänge, bemühen sich um Qualitätssicherung (Kontrolle von Präparaten auf Schadstoffe wie Pestizide oder Schwermetalle) und sortieren gefährliche Praktiken der Humoralpathologie aus (z.B. Aderlässe):

Die fünf Phasen in China

Bild: Die Numerologie des Buches der Wandlungen (I Ging). Im Gegensatz zur mesopotamisch-europäischen Wahrsage-Tradition des „Wenn-Dann“ (von der Ursache zur Wirkung) werden hier aus einem einfach binären Zahlensystem unüberschaubar komplexe und zufällige Situationen realistisch (also unberechenbar) abgebildet. Aus (+) und (-) entstehen vier Wandlungszeichen aus denen sich acht Trigramme ableiten.

bagua

Die Kombination von zwei Trigrammen bildet dann eines von 64 Worten (oder Möglichkeiten wie eine Wandlungsphase gerade sein könnte) Die konfuzianisch verfeinerte Technik beschrieb eine (zufällig gezogene) persönliche Situation, wie sie jetzt gerade aussehen „könnte“. Dann wird vorgeschlagen, die zur möglichen Situation passenden Aussagen und Empfehlungen so anzunehmen, „als ob“ sie auf die aktuelle Situation tatsächlich zu träfen. Im modernen Coaching wird diese Methode „Reframing“ genannt. (Graphik: Jäger)

Mit den Händlern der Seidenstraße, und über die alternativen Route von Tibet über die Mongolei, sickerte die Fünf-Phasen-Lehre der Griechen irgendwann nach 300 v.u.Z. nach China ein.

Möglicherweise zogen mit den Karawanen auch Missionare, die die griechische Medizin-Religion in ihre eigenen Glaubenskonzepte integriert hatten: Mahayana-Buddhisten der graeco-indischen Mischkultur Gandhara, oder erneut 800 Jahre später nestorianische Christen, die aus dem Oströmischen Reich vertrieben wurden und nach Osten fliehen mussten.

Chinesische fünf phasen
Bild: Anpassung des Fünf-Phasen-Modells an die chinesische Numerologie des I Ging. Oben steht „Wuji“ das ungetrennnt Eine. Darunter die Dualität des Lebens: Hell-Dunkel, Tag-Nacht (Yin und Yang im steten Wechsel). Daraus ergeben sich vier Phasen („Junges und altes Yang“ und „junges und altes Yin“) und zwischen ihnen der Wechsel oder der Duchgang durch eine Neutralphase („Erde“).

Das griechische Zahlenbild „Fünf“ passte nicht so recht zu dem Zahlenwerk des I Ging und auch nicht in die daoistische Alchemie, deren Ziel es war, durch Wandlungsrezepturen Edelmetall herstellen zu können. Die „Fünf-Phasen-Lehre“ musste also im religiösen Daoismus erst verändert werden, um nützlich zu sein. Die „Elemente oder Phasen“ waren aus der Yin-Yang-Lehre vertraut, aber in China gab es ursprünglich entsprechend des I Ging-Hexagramms sechs von ihnen: „Erde, Metall, Feuer, Wasser, Holz und Getreide“. Diesen Elementen entsprachen dann auch sechs Organe oder bis heute noch als QiGong-Form, die „sechs heilenden Laute“ (und nicht etwa „die fünf“).

Begünstigt wurde die Integration des griechischen Modells (Viereck und mittlerer Kreis) durch die Ähnlichkeit mit chinesischen Münzen, die auf Schüren aufgefädelt wurden, und mit dem chinesischen Löffel-Kompass, der sich aus seiner Mitte heraus dreht.

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Letzte Aktualisierung: 28.07.2022