Homöopathie

Die Wirksamkeit der Homöopathie

ist umstritten:

Pro

„Es ist mir eine Freude, Sie anlässlich der 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte … willkommen zu heißen.“ Prof. Dr. Eva Quante-Brandt, Senatorin f. Wissen., Gesundheit & Verbraucherschutz in Bremen.
„Should doctors recommend homeopathy?“ BMJ 2015: Yes! (Peter Fisher)

Kontra

Wissenschaftliche Seriosität maximal verdünnt“ (SZ 12.11.2016)
Globulisierungs-Gegnerin“ (SZ 17.01.2017)
Von der medizinischen Avantgarde zum wissenschaftlichen Anachronismus“ (Informations-Netzwerk Homöopathie)
„Should doctors recommend homeopathy?“ BMJ 2015: No! (Edzard Ernst)

Hahnemann
Daguerreotypie von Samuel Hahnemann, 30.09.1841 in Paris (Wiki)

Wenn  so „Gegner“ und „Befürworter“ miteinander streiten, entsteht selten etwas  Neues.

Denn Überzeugungen, Ideologien, Glauben, Dogmen und Wahrheiten  sind fakten-resistent,  und können meist weder bewiesen noch widerlegt werden.

Selbst wenn sich Ärztinnen auf gemeinsame Kriterien verständigen können (wie bei der Initiative Mezis), erweist sich die Diskussion beim Thema Homöopathie als sehr zäh:

„… eigentlich ducke ich mich sehr schnell weg, wenn ich sehe das im Forum wieder mal dieses Thema ansteht. … Ob ein(e) Arzt/Ärztin allopathisch oder homöopathisch behandelt muss schlussendlich seine/ihre Entscheidung und die Entscheidung des wohl informierten Patienten sein … Die Unterscheidung zwischen Allopathie und Homöopathie ist dann unsinnig, wenn in der Medizin der geeignete Weg im Sinne des Patienten gesucht wird … Aus beiden Bereichen Allopathie und Homöopathie sind viele sinnvolle und unsinnige Therapieansätze bekannt. … “ Arzt im Mezis-Forum 2017

Manchmal kann man sich dann darauf verständigen, sich zu tolerieren. Aber voneinander zu lernen, scheint schwieriger zu sein. Dabei könnten die unterschiedlichen Sichtweisen (zumindest in Teilaspekten) dazu beitragen, neue Zusammenhänge zu verstehen. Es könnte spannend sein, zu erfahren, was unterschiedliche, aber gleichermaßen engagierte, empathische und kluge Menschen dazu bringt, scheinbar entgegengesetzte Standpunkte einzunehmen.

Vorschläge für einen fruchtbaren Diskurs:

1. Eine gemeinsame ethische Basis finden.

Man könnte sich vermutlich relativ einfach darauf verständigen, den PatientInnen

  • nutzen zu wollen und
  • ihnen nicht zu schaden.

Dann könnten dazu Kriterien vereinbart werden.

Und so könnte man sich dann von dem jeweiligen Unsinn (oder der Abzocke) im jeweiligen „eigenen Lager“ distanzieren: Von täuschender (Pseudo)-Placebologie, von fragwürdigen Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), von Kommerz, Scharlatanerie oder CRAP (consumer receptiv alternative preparations).

Man müsste sich (wenn man „Gute Medizin“ als einen ethischen Grundsatz definiert hätte) nicht mehr gegenseitig Blödsinn vorhalten, wie:

  • Globuli gegen „grippale Infekte“ , „Malaria“ oder „Krebs„, oder
  • Pseudo-Placebo-Anwendungen (Antibiotika, Impfungen oder andere Pharmaprodukte, die in dem Zusammenhang, in dem sie verabreicht werden, wie inhalts-leere Placebos wirken, aber nebenwirkungsreich sind).

2. Sich nicht über spezifische Wirkungen streiten.

Evidenz basierte Medizin (EbM) ist ein sehr nützliches Werkzeug zur Untersuchung der spezifischen Wirkungen punktgenauer Interventionen. Wenn eine spezifische Intervention nicht eindeutig definiert ist, kann das Instrumentarium der EbM nichts finden. Und ebenso wenig beweisen, das nicht „sein könnte“, was mit diesem Werkzeug nicht gesehen werden kann.

Ob also mit der Homöopathie spezifische Wirkungen verbunden sind, oder nicht, lässt sich durch klassische epidemiologische Studien nicht klären (Colquhoun 2010, Shaw 2013, Shang 2005 und 2006). Und dabei kann man es auch belassen.

3. Sich prüfen, ob das, was jeweils getan wird, schadet.

Alles was wirkt, kann dosis-abhängig auch schaden. Spezifisch-punktgenaue Interventionen müssen per Definition mit spezifischen Nebenwirkungen verbunden sein. Acetylsalicylsäure z.B. wirkt gut gegen Schmerzen, aber ebenso auf das Gerinnungssystem, was bei einer Behandlung unerwünscht sein könnte.

Bei Krankheiten ist es unabhängig von der Art des therapeutischen Vorgehens nötig, dafür zu sorgen dass, das Risiko einer Verschlimm-„Besserung“ durch eine Behandlung so klein wie möglich bleibt.

4. Sich mit systemischen Wirkungen beschäftigen.

Systemische Wirkungen entstehen durch Kommunikationsprozesse. Zum Beispiel eine gute Arzt-Patient-Beziehung.

Empathie is ein mächtiges Heilmittel: “Empathy is one of the elements that facilitates treatment effectiveness, and a powerful one.” Decty 2015

Der vermutlich stärkste systemische Effekt, der Menschen lebenslang prägt, ist die Bindung zwischen Mutter und Kind im Zeitraum nach der Geburt (Faa 2014). Systemische Effekte können aber auch pharmakologisch ausgelöst werden, durch spezifische Moleküle, die lawinenartige Ereignisse triggern, zum Beispiel die Alarmierung des Immunsystems (Sreenivasulu 2015, Kandasamy 2016). Oder auch durch Schadstoffbelastungen (Calderón 2011).

Es ist unstrittig, dass Systemwirkungen bei allen medizinischen Behandlungen in unterschiedlicher Stärke auftreten: bei allen Interventionen der modernen Medizin und natürlich auch bei der Homöopathie. Ihre täuschende Anwendung (Placebo) widerspricht ärztlicher Ethik (Hróbjartsson 2010).

Eine transparente, offene und empathische Arzt-Patient-Beziehung kann dagegen Sicherheit vermitteln und Patientinn/en dabei unterstützen, „sich selbst zu heilen“. (Frost 2016)

Homöopathen und moderne Mediziner könnten also gleichermaßen damit beginnen, sich intensiver mit System-Biologie, Psycho-Neuro-Immunologie, mit der Physik komplexer Systeme oder mit den biologischen Grundlagen der Kommunikation (Embodiment, Enactment …) zu beschäftigen.

5. Den eigentlichen (150 Jahre alten) Widerspruch betrachten.

Das Gegenkonzept zur Homöopathie ist nicht das Werkzeug „Evidenz basierte Medizin“. Der eigentliche Gegner der Homöopathie war und ist das erfolgreichste Medizin-konzept des 19. Jahrhunderts, das den Gesundheitsmarkt bis heute beherrscht: die „Keim-Theorie der Krankheitsentstehung“ (Henle-Koch-Postulate). Sie begann ihren Siegeszug  mit der Entdeckung der Antibiotika, der Impfungen und schließlich der zytotoxischen Chemotherapie.

Die anderen von der Keim-Theorie verdrängten (ebenso intelligenten) Medizin-Konzepte des 19. Jahrhunderts von Virchow, von Pettenkofer und von Béchamp sind heute weitgehend vergessen.

Vor dem Hintergrund der Biologie des 21. Jahrhunderts sind aber sowohl Keim-Theorie wie Homöopathie gleichermaßen veraltet. Etwa so, wie es die Newton-Mechanik nach der Entwicklung der Physik der Quanten und der Relativität war. Beide müssten sich verändern oder entwickeln, wenn sie sich nicht irgendwann in ein Museum verbannt werden wollen.

Beide müssten Lebewesen als Ökosysteme (Superorganismen) wahrnehmen, die durch Wechselwirkungen zahlloser innerer und äußerer Bezügen dynamisch wachsen und immer wieder neu (aus sich heraus) entstehen. Die einfach-mechanischen Konzepte des 19. Jahrhunderts sind für das Verständnis dieser physikalisch-biologischen Zusammenhänge nicht geeignet.

 HomöopathieImpfungAkupunkturReiner WirkstoffPseudo-Plazebo
Spezifische Wirkungen -+(+)+-
Neben-Wirkungen (Sofort- oder Spättyp)-+(+)++
System Wirkungen+++++

Tabelle: Punktgenaue Eingriffe können spezifische Wirkungen auslösen (z.B. ein Narkosemittel). Die gleiche Intervention kann spezifische (meist unerwünschte) Nebenwirkungen verursachen (z.B. eine Stoffwechselstörung). Pseudo-Placebo enthalten spezifische Wirkstoffe, die in dem Zusammenhang, in dem sie eingesetzt werden, nicht spezifisch wirken können (z.B. Antibiotika-Gabe bei Schnupfen). Sie bergen typische Nebenwirkungsrisiken. System-Wirkungen entstehen aus der (günstigen oder ungünstigen) Beeinflussung eines Zusammenhangs (z.B. des Immunsystems). Sie können durch Zusatzstoffe ausgelöst werden, die eine Systemreaktion anregen (des Immunsystems z.B.) oder durch die Art der Kommunikation, in der eine Behandlung erfolgt (z.B. als unbewusster Lerneffekt im Rahmen von Konditionierung) 

James Lind 1747

Geschichte

Medizin vor dem 19. Jahrhundert: unwirksam und riskant.

Es verschlimmert sich durch die Heilung (Aegrescit medendo).
Aeneis,Virgil (70–19 v.u.Z.)

Vor 300 Jahren war es gefährlich, bei ernsten Krankheiten nach einem Arzt zu rufen. Johann Sebastian Bach z.B. starb an den Folgen einer Augenoperation und sein Kollege Georg Friedrich Händel erblindete nach einem ähnlichen Eingriff.

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die meisten medizinischen Standardtherapien zugleich unwirksam und nebenwirkungs-reich: Ader-lassen, Schröpfen, Kneifen, Darm-Reinigen, Erbrechen, Hungern, Dursten etc. Trotzdem hatten die Ärzte viel zu tun: Offenbar konnten sie ihren Patientinn/en die Illusion vermittelten, dass ihre gruseligen Quälereien, heilend wirken würden.

Die erste systematisch eingesetzte spezifisch-wirksame Behandlung (Sauerkraut-Diät gegen Skorbut) wurde von einem Kapitän eingeführt: James Cook 1776. Dass Zitronensaft Skorbut heilen konnte, war bereits in einem kontrollierten Experiment von einem Schiffsarzt (James Lind 1747) nachgewiesen und auch publiziert worden, wurde aber von der damaligen universitären Lehr-Medizin als Unsinn abgelehnt (Die Geschichte der Skorbut-Heilung).

Cholera: Geburtshelferin moderner Medizintheorien 

1830 wurde die Cholera aus Asien über Russland nach Europa eingeschleppt. Unbehandelt starben an der bis dahin unbekannten Infektion etwa 40% der Erkrankten. Die Ärzte behandelten die neue Krankheitserscheinung, indem sie ihre Opfer zur Ader ließen, und es ihnen verboten, zu trinken. Das machte im damaligen Glaubenssystem der Medizin durchaus Sinn und entsprach den wissenschaftlichen Empfehlungen universitärer Experten. Auch der hochgelobte Dr. John Snow, der in London eine Wasserpumpe als Quelle der Infektionen identifizieren konnte, lies seine Cholera-Patientinn/en noch zu Ader.

Von allen Infizierten, die so (leitlinien-gerecht) behandelt wurden, verstarb mehr als die Hälfte: also deutlich mehr, als wenn sie nicht therapiert worden wären.

Angesichts der Krankheits-Verschlimmerungen durch die scheinbar „spezifisch-wirkende“ Standardbehandlungen seiner Kollegen entwickelte der Arzt Samuel Hahnemann eine alternative Medizin-Theorie. Er war damals von einem spezifischen Effekt von Kampfer überzeugt, da etwas „Gleiches gleiches heilen“ sollte. Er verdünnte dann seine Wirk-Substanz Kampfer so weit, bis sie (nach heutigen Vorstellungen) verschwunden war. Als er dann sein neues Präparat anwandte, war er freudig überrascht, dass bei dieser Art „spezifischer“ Anwendung keinerlei Nebenwirkungen auftraten.

Kartoffeln
Typische System-Behandlung. Gesunderhaltend und krankheits-abweisend.

Die Rituale der Kampfer-Verdünnungs-Herstellung und deren Anwendung schienen tatsächlich zu wirken. Wahrscheinlich, weil er und seine Patienten im Glauben waren, dass ein Medikament, das pharmakologisch „Nichts Substanzielles“ enthielt, „hoch-spezifisch“ wirke. Und außerdem, weil seine Patienten („leitlinien-widrig“) so viel Wasser trinken durften, wie sie wollten, und auch nicht zur Ader gelassen wurden. Mit diesem Methoden-Mix konnte er in einer der ersten Arzneimittelstudien der Geschichte belegen, dass die Sterblichkeit seiner Patienten eindeutig sank. (Hahnemann 1831)

Zwar konnte Hahnemann damals nicht beweisen, dass es allein seine Kügelchen waren, die Cholera heilten. Aber seine mit Homöopathika behandelten Patienten hatten (belegbar) bessere Überlebenschancen als die, die nach damaligem medizinischem Standard verarztet wurden.

Die „Dame mit der Lampe (Florence Nightingale)“ ging damals noch einen Schritt weiter: sie lehnte alle ärztlich-zielgenauen Eingriffe ab und verstärkte die nicht-spezifisch wirkenden (System-)Effekte der Pflege und Betreuung: sehr zum Wohl ihrer Patientinn/en.

Zuerst nicht schaden?

Hahnemann belebte durch seine unendliche Verdünnung des spezifischen Effektes  einen (damals weitgehend vergessenen) medizinischen Grundsatz:

„Zuerst nicht schaden!“ (Primum nihil nocere).

Ein homöopathisch tätiger Arzt sorgte sich um seine Patienten, er nahm teil an ihrem Leiden, kommunizierte mit ihnen, untersuchte und berührte sie. D.h. er half ihnen, zu vertrauen und ermöglichte, dass sich die Natur selber helfen konnte. Mit dieser Strategie war er der Mehrheits-Medizin in Europa mindestens siebzig Jahre lang weit überlegen.

Keim Theorie

Der Main-Stream medizinischen Denkens entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts aus einer anderen Glaubensrichtung, die unsere Behandlungskonzepte bis heute bestimmt. Nach der Keim Theorie (Germ Theory) entsteht Krankheit durch Angriffe äußerer Feinde. Diese könne man benennen, gezielt abwehren oder isolieren, punktgenau-spezifisch bekämpfen, vernichten und auslöschen.

Man erdachte sich eine Welt gesunder Menschen, die von mikroskopisch kleinen Feinden umgeben sind. Etwa so wie George W. Bush sich seine geliebte Nation vorstellte, die gegen die vielen Terroristen und Bösewichte verteidigt werden musste.

Diese kriegerische Medizin-Auffassung (u.a. von Robert Koch und Louis Pasteur) passte genau zum Denken der preußischen, englischen und französischen Offiziere. Die Armeeführungen waren daran interessiert „Seuchen zu bekämpfen“, damit die Erträge ihrer Plantagen nicht gefährdet wurden. Das Wohlergehen der von ihnen kolonialisierten Einheimischen lag ihnen nicht besonders am Herzen, und Kollateralschäden (oder Nebenwirkungen) nahmen sie bei Kriegen als selbstverständlich und unvermeidbar in Kauf.

Die anderen (mindestens ebenso intelligenten) Gesundheits-Konzepte des 19. Jahrhunderts hatten gegenüber den Kriegs-Modellen keine Lobby und gerieten rasch in Vergessenheit: wie die Sozial-Hygiene (Virchow), die Umwelt-Hygiene (Pettenkofer) oder die Salutogenese (Béchamp).

Das Aufblühen der Keim-Theorie im 20. Jahrhundert.

Mit der Einführung der Impfungen, der Antibiotika und der sterilen Chirurgie war es möglich geworden, Probleme spezifisch-genau zu beseitigen. Homöopathen bezeichneten diese zielgenauen Strategien als „allopathisch“, um sie von der Homöopathie abzugrenzen. Bei der Behandlung akuter und lebensbedrohlicher Erkrankungen war die Keim-Theorie der Homöopathie jetzt deutlich überlegen. Denn diese hatte ihren spezifischen Effekt ja auf unendlich verdünnt.

Allerdings wurde der Aufstieg der neuen Medizin durch Katastrophen begleitet.

Die rührten meist daher, dass spezifischen Interventionen in komplexe Zusammenhänge eingriffen. Und dieses mechanische Herumfummeln in lebend-eigendynamischen Zusammenhängen erzeugte immer wieder „völlig unerwartet und unvorhersehbar“ neue Probleme, von denen niemand zuvor etwas geahnt hatte.

Die Lieblings-Feinde „Homöopathie“ und „Keim-Theorie“ haben vieles gemeinsam.

Beide

  • stammen aus dem 19. Jahrhundert, das von mechanischem Maschinen-Denken geprägt war, und
  • nehmen als klassisch-europäische Theorien, eine Gegenposition zur älteren chinesischen Medizin ein.

Der Keimtheorie und der Homöopathie waren und sind die Systemtheorien der Quantenphysik des 20. Jahrhunderts gleichermaßen fremd.

Beide betonen die große Bedeutung punktgenauer „spezifischer“ Intervention, und beide können mit System-Effekten nichts anfangen.

Deshalb distanzieren sich die Vertreter beider Lehren gleichermaßen von „Plazebo“-Effekten, von denen sie die von ihnen angestrebten Wirkungen deutlich unterscheiden wollen. Denn, so behaupten sie gleichermaßen, ihre jeweilige Methode wirkten im Wesentlichen oder ausschließlich „spezifisch“.

Dieser „spezifische Effekt“ scheint beiden aus psychologischen Gründen wichtig zu sein. Möglicherweise, weil jemand, der mehrere Jahrzehnte mühsam und intensiv ein bestimmtes System (wie „intervenierende Medizin“ oder „Klassische Homöopathie“ o.ä.) erlernen musste, nicht mehr an der Sinnhaftigkeit seines jeweiligen Tuns zweifeln kann, ohne seinen ganzen Lebensweg hinterfragen zu müssen.

Studien können für die jeweiligen Expertinnen deshalb nur insofern wertvoll sein, um zu begründen und zu festigen, was sie ohnehin schon wissen. Die Resultate der Anwendung bestätigen deshalb auch in der Regel ihre jeweilige Theorie. Denn sollte das einmal nicht der Fall sein, wurde die Theorie sicher noch nicht perfekt genug angewendet. Und selbst wenn die Realität einmal scharf der Theorie zu widersprechen scheint, „dann ist es umso schlimmer für die Realität“. (Watzlawick)

Heilern, die so von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt sind, können durch quasi-religiöse Methoden-Sicherheit Vertrauen erwecken. Fehlte es ihnen an innerer Überzeugung, würden sie durch unbewusste Körpersignale den Patientinn/en signalisieren, dass es sich bei ihren Behandlungen um Scharlatanerie oder Kommerz handeln könnte.

Das Paradox spezifischer Interventionen zur Auslösung nicht-spezifischer Wirkungen.

Therapeutinn/en, die starke „systemische“ Wirkungsmechanismen auslösen wollen, z.B. durch eine Nosode oder eine Impfung, müssen intensiv von der „spezifischen“ Wirkung überzeugt sein. Es ist für Ihre Suggestion auf den Patienten wichtig, dass sie zu wissen glauben, dass der von ihnen applizierte Inhaltsstoff hochpräzise wirke und schütze. Scheinbar können sie nur so wirksam in die Hirn-Chemie ihrer Patientinnen einwirken, und Angst und Stressreaktionen dämpfen. (Autret 2012).

Wenn die spezifische Wirkung schwach ist, können die System-Effekt aber deutlich bedeutsamer sein, zum Beispiel bei:

  • intensiver und empathischer Kommunikation (u.a. bei der homöopathischen Erstdiagnose).
  • schmerzhaften, medizinischen Hautverletzungen (u.a. Akupunktur, Impfung, Schmerzmittel-Injektion).
  • Anwendung chemischer Stoffe die Arzneimitteln beigemengt werden, um Immunaktivierungen auszulösen. (u.a. Aluminiumsalze).

Mit- oder Nebeneinander unterschiedlicher Therapiekonzepte?

Homöopathie darf dort, wo spezifische Effekte lebensrettend sein könnten, nicht angewendet werden: In der Intensivmedizin, der Syphilis-Behandlung oder bei einem Schwerverletzten.

Die Homöopathie schneidet aber dann gut ab, wenn sich sehr nebenwirkungs-reiche Interventionen bei genauer Überprüfung als unsinnig, überflüssig und gefährlich erweisen. Bei medizinischen Verschlimm-„Besserungen“ durch risikoreichen Medizin-Interventionen (durch Experten-Wahn oder Kommerz) ist es manchmal besser „nichts zu tun“, und dem Patienten pflegend und unterstützend beizustehen, als ihm oder ihr zusätzlich mit spezifische Nebenwirkungen zu schaden.

Sowohl in der Homöopathie, als auch in der modernen Medizin ist eine sprechende, kommunikative und beziehungsreiche Medizin besonders wirksam. Wenn Arzt-Patient-Gespräche mit hoher Kommunikationskompetenz vertrauensvoll und offen geführt werden können, wirken sie auch dann, wenn sie nicht mit der Anwendung spezifischer Effekte verbunden sind. (Kaptchuk 2010, Schneider 2012, Autret 2012).

Die Anhänger beider Medizin-Modelle des 19. Jahrhunderts könnten so entdecken, dass es jenseits spezifischer Interventionen Möglichkeiten eröffnen, die Heilungsprozesse eines Menschen insgesamt günstig zu beeinflussen. Allerdings nur dann, wenn es gelingt, sich von täuschender, „schlechter Medizin“ abzugrenzen. 

Medizin des 21. Jahrhunderts: System-Wirkungen verstehen und beeinflussen

Der für Menschen stärkste System-Effekt ist die Mutter-Kind-Bindung nach der Geburt. Deshalb sehnen sich Patientinn/en, die leiden und sich krank und hilflos fühlen, nach starken Beziehungen zu Menschen, denen sie vertrauen können. Und so hilft beziehungsreiche Medizin (auch ohne spezifisch wirksame Substanzen) dabei zu gesunden.

Wenn Ärztinn/en system-biologische Zusammenhänge verstehen, gehen sie mit spezifisch-wirksamen Interventionen zurückhaltender um. Und verhelfen Patientinn/en häufiger, aus sich heraus zu Wachstum und Entwicklung zurückzufinden.

Literatur

  • Autret A.: Placebo and other psychological interactions in headache treatment J Headache Pain (2012) 13:191–198
  • BMJ „Head To Head: Should doctors recommend homeopathy?“ 7/2015, 351:h373
    • Yes! „Peter Fisher criticises the methods of a recent review that found no evidence to support homeopathy.“
    • No! „Edzard Ernst: inconclusive evidence, lack of rational explanation, and questions about safety.“
  • Calderón-Garcidueñas:  Exposure to severe urban air pollution influences cognitive outcomes, brain volume and systemic inflammation in clinically healthy children Brain and Cognition 2011, 77(3)345–55
  • Cook J: The Method Taken for Preserving the Health of the Crew of His Majesty’s Ship the Resolution during Her Late Voyage Round the World. By Captain James Cook, F. R. S. Addressed to Sir John Pringle,  Trans. R. Soc. Lond. 1776 66, 402-406
  • Colquhoun D: Secret remedies: 100 years on, BMJ 2010;340:c617, BMJ 2010;340:c598 , BMJ 2010;340:c640
  • Decty J et al.: Why empathy has a beneficial impact on others in medicine: unifying theories. Frontieres in Behavioral Neuroscience 2015, 8, article 457, 1-11
  • Faa: Fetal programming of the human brain: is there a link with insurgence of neurodegenerative disorders in adulthood? Curr Med Chem. 2014; 21(33):3854-76
  • Frost E et al: The brain’s reward circuity regulates immunity. Nature Medicine 2016, 22(8)835-837
  • Hahnemann, Heilung von der asiatischen Cholera und Schützung vor derselben, 1831
  • Hróbjartsson: Placebo interventions for all clinical conditions. Cochrane Database Syst Rev. 2010
  • Kandasamy: Non-specific immunological effects of selected routine childhood vaccinations: systematic review, BMJ Dec 2016; 355:i5225)
  • Kaptchuk TJ:Placebos without Deception: A Randomized Controlled Trial in Irritable Bowel Syndrome, PLoS, Dec. 2010, 5(2):e15591
  • Mathie RTet al.: Randomised controlled trials of homeopathy in humans: characterising the research journal literature for systematic review.  2013 Jan;102(1):3-24. doi: 10.1016/j.homp.2012.10.002 .
  • Schneider Plazebo forte: Ways to maximise unspecific treatment effects, Medical Hypotheses 2012, 78:744-751
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy Original Research Article, The Lancet, Volume 366, Issue 9487, 27 August–2 September 2005, Pages 726-732
  • Shang A.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? – Authors‘ reply, The Lancet, Volume 366, Issue 9503, 17 December 2005–6 January 2006, Pages 2083-2085
  • Shaw 2013: Homeopaths Without Borders practice exploitation not humanitarianism, BMJ 2013;347:f5448347
  • Sreenivasulu: Stimulation of Toll-Like Receptors profoundly influences the titer of polyreactive antibodies in the circulation, Scientific Reports 5, Article number: 15066 (2015)
  • Taylor MA: Randomised controlled trial of homoeopathy versus placebo in perennial allergic rhinitis with overview of four trial series, BMJ 2000, 321 1926
Letzte Aktualisierung: 14.06.2019