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20. April 2026

Mischformen & Esoterik

Inhalt

  • Magie: Das Schicksal bezwingen
  • Esoterik: Von Meistern geleitet
  • Beispiele: Psychoanalyse, NLP, Anthroposophie, CIM, Pasos mágicos
  • Ungesunder Glaube.
  • Schul-, Alternativ- oder ‚gute Medizin‘?
Schamanismus, Pharma, Homöopathie, Okkultismus, Quantenphysik, Hi-Tech, Natur & Heilkräuter, Psychotherapie: Alles dabei für nur 2,60€. Marktzeitschrift ReGeNeRaCe, Prag 2025, Bild: Jäger

Magie: Das Schicksal bezwingen

Näpfchenstein (~ 1800 v.u.Z., Marienborn) diente der rituelle Auskratzung von Pulver, ggf. im Rahmen von Fruchtbarkeitszauber oder dem Aktivieren von unsichtbaren Kräften. Bild aus „Magie“ Ausstellungs-Katalog des Landesmuseums für Frühgeschichte in Halle 2024

Seit Jahrtausenden versuchen Menschen, den Verlauf des Geschicks zu beeinflussen.

Die Nomaden, die dem Zug der Herdentiere folgten, waren den Naturgewalten hilflos ausgeliefert. Aber sie erkannten allmählich bescheidene Handlungsmöglichkeiten, um ihre Umwelt zu beeinflussen. Sie nutzten das Feuer, entwickelten Distanzwaffen, kochten, erahnten den Rhythmus von Wetterereignissen und konnten Krankheitsverläufe lindern.

Erste Heilverfahren

Bereits vor vielen Jahrtausenden konnten sich Menschen versorgen, sich kümmern und pflegen. Sie wendeten Heilpflanzen an und erlernten die Wirkkräfte des schamanistischen Heilens.

Bis schließlich vor über 2500 Jahren Gesundheitsphilosophen eine erste Theorie von Gesundheit und Krankheit erfanden, die ‚Fünf Elemente oder fünf Phasen‘.

Aus diesem Weltbild entwickelten sich in späteren Jahrhunderten komplizierte Mischsysteme wie Unani, Ayurveda, chinesische Medizin und Alchemie. Die Wissensmodelle wurden in die frühen religiösen Vorstellungen in Ägypten und Persien importiert und schließlich u. a. mit dem Christentum, dem Buddhismus, dem Islam und dem Daoismus vermengt. Im 19. Jh. wucherten die Erklärungstheorien der Medizin in undurchschaubaren Formen mit Hygiene- und Keimtheorie, Psychoanalyse, Homöopathie, Anthroposophie und einzelfaktorbezogene Medizinwissenschaft u. v. a.

Xiushen Tu. Gezeichnet im 19. Jh. als Kopie eines Bildes aus dem 10. Jh. n. u. Z. Die Lehrschrift Xiushen Tu stellt die Funktionen des Körpers aus der Sicht der daoistischen Alchemie und Kosmologie dar. Die verwendeten Begriffe sind so vielgestaltig und mehrdeutig, dass nur besondere Dao-Exper:innen sie in allen Nuancen lesen und verstehen können. Folglich werden sie von den vielen, die sich für schriftkundig halten, jeweils anders interpretiert. Geglaubt wird das, was ein jeweiliger Meister, dem man zutiefst vertraut, als wahr erkannt hat. Je nach Sekte oder Lehrmeinung kann sich die Weisheit dann in sehr unterschiedlichen Formen zeigen. Nur die Interpretationen „wirklicher Großmeister“ (der höchsten Hierarchiestufe) sind über jeden Zweifel erhaben. Foto: Jäger 2020

Vielen der über Generationen entstandenen, unterschiedlichen, ‚verschulten‘ Heil-Systeme liegen ähnliche Prinzipien zugrunde:

  1. Ein schlichtes Modell der Realität.
    Die Grundannahmen der Lehre müssen so einfach sein, dass Patient:innen sie nachvollziehen können, um daran zu glauben.
  2. Handlungen, die im Modell sinnvoll erscheinen, um die Realität zu beeinflussen. Das Meer bleibt unberechenbar, chaotisch und ungewiss, aber durch kleine, geschickte Handhabung von Kompass und Steuerruder kann das Schiff auf Kurs gehalten werden. Das beruhigt ungemein.
  3. Ein Meister an der Spitze des Heilsystems.
    Expert:innen für etwas, was einfachen Menschen unfassbar erscheint, wurden über viele Jahrzehnte ausgebildet. Sie wissen später aus Erfahrung, was sie tun. Daher können sie innerhalb ihres Glaubensmodells eine eindeutige Diagnose stellen. Damit klärt sich ein diffus wabernder Problemnebel auf, und es zeigt sich eine Ursache des Leidens, die im jeweiligen Erklärungssystem einen Sinn ergibt.
  4. Zielgenaues Handeln: Wurde das Problem erst einmal mit einem Namen versehen, glauben die Expert:innen zu wissen, wie es gestaltet ist. Durch eine scheinbar ‚punktgenaue‘ Therapie kann es beherrscht werden: durch eine magische Pille, einen hautverletzenden Eingriff, ein heilsames Ritual.

In religionsähnlichen Heilsystemen wird das Abbild einer Realität behandelt. In der Hoffnung, dass sich damit auch die Wirklichkeit beeinflussen lasse.

Heil-Modelle dieser Art reduzieren die hochkomplex-undurchschaubare, quantenphysikalisch-wirre Dynamik des tatsächlichen Geschehens auf einen nur „komplizierten“ (also manipulierbaren) Zusammenhang.

Allerdings ist auch die „Kompliziertheit“ der meisten Heilsysteme so ausgeprägt, dass sie nur von spezialisierten Expert:innen durchschaut werden.

Anamnese, Rituale, Berührungen, Symbole, Gespräche, Lehren u. v. a. veranschaulichen den Patient:innen Zusammenhänge, die sie so nie gesehen hätten. Allein solche „Aha“-Effekte beeinflussen die Heilung. Denn sie setzen einen neuen Bezugsrahmen, in dem ein Problem vollkommen neu akzeptiert und betrachtet werden kann. Im Coaching wird dieses Phänomen ‚Umdeutung‘ oder „Reframing“ genannt.

Erstaunlicherweise wirkt allein eine Diagnostik therapeutisch, weil ein bisher fremdartiges Problem einen Namen erhält und damit vertrauter erscheint, weil ja jetzt etwas getan werden kann. Etwa so:

„Niemand hatte bisher bei dir etwas gefunden. Sie behaupteten schon, dein Problem sei psychosomatisch bedingt. Oder noch schlimmer psychisch eingebildet. Nein, das ist Unsinn! Du hast einfach eine XY-Schwäche, eine AB-Vergiftung, eine WZ-Stase, einen DE-Mangel, eine KL-Infektion oder eine PQ-Disbalance …“

Für die Auslösung heilsamer „System-Effekte“ (die den gesamten menschlichen Organismus beeinflussen) ist es nicht nötig, dass etwas spezifisch zu wirken scheint. Die Belohnungszentren des Gehirns, die u. a. das Hormon Dopamin ausschütten, werden bereits aktiviert, wenn etwas Wichtiges in erreichbare Nähe rückt, sodass es scheinbar „sicher“ erreicht werden kann.

Bei Heilritualen müssen nicht nur die Empfänger, sondern auch die Anwender einer Methode „zutiefst“ davon überzeugt sein, dass sie punktgenau-spezifisch wirkten. Das Belohnungssystem der Ärzt:innen muss Vorfreude auf den Erfolg ausstrahlen, damit ihre Sicherheit von ihren Patient:innen unbewusst wahrgenommen und gespiegelt werden kann. Körperhaltung, Mimik und Sprachmelodie der Heiler:innen sind dabei von großer Bedeutung, da sie Wahrhaftigkeit vermitteln oder, wenn sie (unbewusst) widersprüchlich erscheinen, auf Betrug hinweisen würden.

Eurpopäisch kosmologisches Weltensystem. 19. Jahrhundert? Autor (und Inhalt) unbekannt.

Ein nicht spezifisches Ritual wirkt besonders intensiv, wenn es von Personen angewandt wird, die durch jahrzehntelanges Training in ihrem Glaubensmodell „absolut sicher“ zu wissen glauben, dass ihre Handlung punktgenau wirke.

Das Training im jeweiligen schamanistischen oder religionsähnlichen Glaubenssystem ist komplex und schwierig. Und vermittelt durch die Verschulung den Patient:innen den Eindruck hoher Qualität. Und die jahrelang trainierten gläubigen Anwender:innen wagen es (nach Aufwand von viel Zeit und Kosten) nicht mehr, die Grundannahme des Denkmodells infrage zu stellen.

Wenn die Heiler:innen einen Gesundungs-Effekt ihrer Methode beobachten, sehen sie die Wahrheit ihrer Heilslehre bestätigt.

Misserfolge verweisen dagegen auf mangelhafte Durchführung, auf Anwenderfehler oder auf eine „Anfangs-Verschlimmerung“, die Gutes verheißen soll und hoffen lässt.

Viele Anwendungen müssen so lange durchgeführt werden, bis es doch zu einem Erfolg kommt, oder aber die Nutzer wegbleiben. Wirklich negative Rückmeldungen, die das ganze System gefährden würden, kann es dann nicht geben.

Der Spezialisten-Glaube beruht auf jahrelanger Erfahrung, Auswendiglernen und mühevollem Training. Die Expert:innen sind sich der Perfektion des jeweiligen Systems gewiss. Nur falsche Anwendung kann nachteilig sein. Daher bestätigt jedes (positive oder negative) Ergebnis einer Heilbehandlung ihre tiefe Überzeugung, zweifellos richtig und gut zu handeln.

Man muss ein Ereignis nach einer Behandlung nur richtig interpretieren und dann ggf. das Erklärungsmodell etwas modernisieren. So wachsen esoterische, alternative und schulmedizinische Behandlungssysteme im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte zu immer komplizierteren Gebilden. Das Wuchern immer größerer Theorieblasen fördert die Bedeutung der Expert:innen weiter. Haben sie dann aber eine bestimmte hierarchische (und oft auch kommerzielle) Höhe erklommen, und werden Professor, Dekan oder Großmeister genannt, ist ihr Wort über jeden Zweifel erhaben.

Esoterik: Dem Meister vertrauen

Wenn die Realität der Theorie einmal widerspricht:
Umso schlimmer für die Realität! Watzlawick

Das Wort „esoterisch“ (gr.) bedeutet „dem inneren Bereich zugehörig sein.“

Im „inneren Zirkel der Wissenden“ befinden sich die Eingeweihten von Geheimlehren. Deren religiös-mystische Riten, Ideen und Gebräuche sind nur den engen Vertrauten des Meisters zugänglich (der meist ein Mann ist).

Der Begriff Esoterik bezeichnet Lehren, die nur an einen begrenzten „inneren“ Personenkreis weitergegeben werden dürfen. Eine ausgewählte Gemeinschaft strebt nach einer „tieferen Erkenntnis“, geht einen „spirituellen Weg“, folgt einem „höheren Ziel“, sucht „absolute Wahrheiten“ oder „tiefes Wissen“ oder „intensive Verbundenheit“ und arbeitet an der Vervollkommnung der Erkenntnis oder an der ultimativen „Erleuchtung“.

Im inneren Kreis werden Weisheiten im direkten Bezug mit dem Meister vermittelt und durch Einüben von Ritualen, Meditationen und Merksätzen, die unbewusste Körperreaktionen und psychologische Muster bahnen. Lernen in esoterischen Systemen erfolgt in Trance, in einer Ich-losen Hingabe an die meisterliche Kompetenz, die nicht durch kritische Fragen oder kreatives Selber-Denken unterbrochen werden darf. Schüler:innen in esoterischen Systemen fragen nicht nach dem Warum, sondern nur nach dem Wie.

Esoterik kann aus Natur- oder Geisteswissenschaften, Religionen, Ideologien, Überlieferungen, Bewegungs-Methoden, Kunstformen und Lebens-Praktiken erwachsen. Zwischen ihren esoterischen Lehren (z. B. Astrologie) und Naturwissenschaft (z. B. Astronomie) können Vermischungen entstehen, wenn z. B. der Physiker und Direktor des Albert Einstein-Institutes (Danzmann) zur gleichen Erkenntnis gelangt, wie der Gründer der vielleicht ersten esoterischen Sekte (Pythagoras), der herausfand, dass das „Universum klingt“.

Nach außen, gegenüber den Gläubigen, verkünden die Vertreter:innen esoterischer oder dogmatisch-universitärer Modelle sehr einfache Wahrheiten, Regeln und Anweisungen.

Der Ägyptologe Assmann sprach dabei von einer „doppelten Religion“:

Doktor Mtumbuka: Experte für Naturheilmittel. Wir behandeln Diabetes, Magengeschwüre, Verstopfung, Bluthochdruck, Arthritis, Furunkel, Juckreiz, Gonorrhö, Asthma, Genitalpilz und Wurmbefall, Potenzstörungen, Verstopfung, Hautausschläge, Typhus und Durchfall. Frau IdhinLlah. Werbung einer Heilers in Tansania 2024, Bild: Jäger

Sie bestehe aus einer Offenbarung nach außen, die der Herrschaftserhaltung diene. Und aus einer mysteriösen, geheimen Ur-Erkenntnis, die nur den wenigen Eingeweihten zugänglich sei.

Für die Gläubigen, die psychisch oder körperlich leiden, und sich an Esoteriker:innen wenden, ist es dann unwichtig, „wie es funktioniert“, wie Weihrauch und Latein in der katholischen Kirche. Hauptsache, es wirkt (mehr oder weniger) und hilft, Probleme zu beseitigen.

Das Gesamtkonzept eines Heilsystems muss sich stimmig anfühlen und Vertrauen erwecken. Die Details werden gern den weiblichen und männlichen Experten, Schamanen, Priestern, Ärzten, Mystikern und Wissenschaftlern überlassen. Diese kommunizieren untereinander in Zeichen und Symbolen, deren Verständnis Jahrzehnte intensiven Trainings erfordert.

Dabei wurden sie angeleitet von strengen Meistern, die ihnen in mühevollen Übungen körperlich einprägsame Erfahrungen vermitteln. Anschließend wirkt dann die von Ihnen nach außen strahlende Gewissheit bei den Patient:innen als ein belastbares Vertrauen. Es erzeugt bei den abhängigen Patient:innen das Gefühl, in einem zwar undurchschaubaren, aber lückenlosen Erklärungssystem aufgehoben zu sein.

Die starken Kommunikationseffekte zwischen Expert:innen und Leidenden beeinflussen die Hirn- und Körperchemie messbar. Und nachhaltig. Selbst reines „Nichts“ (eines Rituals) kann erstaunliche Wirkungen auslösen, wenn es nur in einer bedeutungsvollen und einprägenden Art und Weise verabreicht wird.

Ohne Sicherheit: keine Heilung.

Menschen, die leiden, erfahren die Wirklichkeit als verwirrend, undurchschaubar, unendlich komplex und wenig beeinflussbar. Sie fühlen sich hilflos, und sehnen sich nach Expert:innen, die

  • ihnen sehr einfache Modelle aufzeigen,
  • ihrem Leiden einen „besonderen“ Diagnose-Namen verleihen, und
  • die ihnen dann auch einen („äußeren“) Feind aufzeigen, der erfolgreich bekämpft werden kann.

Sie suchen daher Esoteriker auf, die aus der unendlichen Zahl möglicher Zusammenhänge eines Übels die wenigen Faktoren herauspicken, die zu ihrem Erklärungsmodell passen. Besonders in „hoffnungslosen“ Situationen. Erstaunlicherweise finden sie fast immer genau das, wonach sie suchen:

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat,
sieht in jedem Problem einen Nagel.“Paul Watzlawik

Ist dann die Ursache des Leidens geklärt, folgt die punktgenaue Anwendung des Heil-Konzeptes. Die esoterische, therapeutische Intervention soll in der Regel sehr spezifisch und präzise erscheinen, damit sie umso stärkere diffus-nicht-spezifische Systemwirkungen auslösen kann. Esoteriker wehren sich deshalb vehement gegen Unterstellungen, ihre Mittel oder Rituale wirkten gar nicht punktgenau.

Sicherheit durch Rituale

Heiler
Werbung eines Heilers in Benin 1996, Bild: Jäger

Damit es sicher wieder so werden wird, wie es vorher einmal war, müssen sehr konkrete Handlungen und ausgeklügelte Rituale durchgeführt werden, die deutlich erlebt und erinnert werden können. Die Wege zum Heil sind daher oft bitter, mühsam und schmerzhaft.

Esoterisches Heilen wird meist mit der Auslösung einer Trance kombiniert. Denn in diesem Geisteszustand, bei dem Logik und kritisches Ich-Denken abgeschaltet sind, richten sich Geist und Körper, wie in einem Sog, genau auf ein Ziel aus. Sobald dies geschehen ist, können die Betroffenen gelenkt und geleitet werden.

Manchmal werden auch in einer Gruppe Gleichgesinnter gemeinsame Gefühlszustände erzeugt, oder religiöse Weisheiten, Wahrheiten oder Praktiken ausgetauscht, die zu einem unmittelbar erleuchtenden Verständnis führen sollen.

Allen unterschiedlichen, esoterisch-schamanistischen oder modernen Ritualen ist gemeinsam, dass sie nur dann wirken können, wenn man sich auf sie einlässt. Kritisches Denken, Nachfragen oder rationale Informationsverarbeitung, die das System hinterfragen, würden das persönliche Erleben der unbewussten und körperlichen Auswirkungen eines Rituals stören oder gar verhindern. Es wird deshalb in der Regel freundlich, aber bestimmt, dafür gesorgt, dass Ungläubige fernbleiben und die Heiler:innen meiden.

Beispiel: Psychoanalyse und Psychotherapie

Die geniale Idee, es sei möglich, „eine Psyche“ zu analysieren und zu therapieren, ist erst wenig über hundert Jahre alt (Yaolom: Und Nietzsche weinte. dtv 1994).

Seither werden die Kosten dafür von den Krankenkassen erstattet. Allerdings ließ sich die Wirksamkeit von „Psychotherapie“ gegenüber anderen Methoden wissenschaftlich nicht bestätigen. Besonders vor dem Hintergrund moderner Forschung der Informationsverarbeitung im menschlichen Körper. Viele Verfahren (insbesondere die Tiefenpsychologie) haben ihre Plausibilität verloren. (D.v.Drigalski: Blumen auf Granit 2019)

Oft ist das Ende bestimmter Psycho-Therapieformen auch das Ende des Problems. (Watzlawik 1997).

Louise Armstrong: Freud für Kinder, Focus Verlag 1976

Der große Aufschwung des Konzeptes der kranken Psyche (in einem sonst gesunden Körper) begann mit der Erfindung der Psychopharmaka.

Mit dem steigenden Elend des psychischen und körperlichen Leidens in modernen Industriegesellschaften entwickelte sich hier ein gewaltiger, krisenstabiler Wachstumsmarkt.

Heute steigt die „Zahl der Depressionen … auf Rekordniveau!“ Wido (AOK) 09.102024. Psychisches Leiden könnte deshalb als Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit begriffen werden. Es wäre möglich, sich zu fragen, was in dieser Gesellschaft (insbesondere bei Kindern) falsch läuft. Stattdessen werden Fehler, die zu psychischem Leid führten, verdrängt (BZ 10.10.2024, BR 09.10.2024)

Die Pharmariesen freuen sich über gewaltige Umsatzsteigerungen ihrer Produkte (Mordointelligence, 14.10.2024), bei deren Anwendung sich die Grenzen zu nebenwirkungsreicher Placebologie verwischen.

Trotzdem war Freuds Impuls, psychisches Leiden wahrzunehmen, auch fruchtbar. Besonders als Psycholog:innen begannen, den Körper zu entdecken (Reich), die Evolution des Bewusstseins zu erforschen (Jung, Neumann) und die Ganzheit einer menschlichen Gestalt aus Geist-Körper-Umfeld (Pearls, Uexküll).

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Beispiel: Neurolinguistisches Programmieren (NLP)

NLP ist eine Mischung aus Tranceauslösung durch Hypnose, Gestalttherapie, Kognitionswissenschaft und Körperarbeit. Wie bei CIM werden hier „innere Bilder“ oder „Landkarten“ gesehen, die gestört sein können und dann durch Umdeutung (Reframing in Trance) verändert oder gelöscht werden.

Beispiel: anthroposophische Medizin

Anthroposophie nennt sich ein umfassendes philosophisch-religiöses Konzept, das auf Rudolf Steiner zurückgeht. Der Journalist W. Müller (s. u.) versuchte, es Nicht-Anthroposophen verständlich zu machen, und schrieb, die zentralen Anliegen der Anthroposophie seien „die Vergegenwärtigung der geistigen Wirklichkeiten“ und die „Selbsterlösung (jenseits von Gnade)“.

Was damit gemeint sein könnte, erschließt sich vermutlich erst, wenn man sich darauf einlässt und sich an dem, was Anthroposophen tun, beteiligt, um es zu erleben. Vermutlich genauso wie bei anderen esoterischen Systemen, die ich aus eigener Erfahrung als Taiji-Ausbilder besser beurteilen kann.

Meine Erfahrungen mit der Anthroposophie sind sporadisch. Diese Art der Vermischung vieler religiös-dogmatischer und wissenschaftstheoretisch-orientierter Gedankengänge Anfang des 20. Jh. hat mich nicht so fasziniert, dass ich genauer in das Denkmodell eintauchen wollte.

Soweit ich es beurteilen kann wird der Mensch in der Anthroposophie als viergliedriges Wesen betrachtet:

  • Das Ich als individuell-geistiger Wesenskern (in ewiger Reinkarnation)
  • Astralleib (Seele, die Empfindungen und Gefühle trage)
  • Ätherleib (der die Gestaltbildung und die Lebensorganisation ermögliche),
  • und der davon unterscheidbare physische Leib (der sichtbare Körper).

Wie man mir sagte, bedeute Krankheit eine Störung der Harmonie zwischen diesen Wesensgliedern. Eine Therapie stelle sie wieder her, indem sie die natürlichen Heilungskräfte stärke. Die Wirkprinzipien und Wirkorte der anthroposophischen Medizin beruhten auf den vier Wesensgliedern in Bezug auf bestimmte Organ- oder Funktionssysteme: Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, Nerven-Sinnes-System, rhythmisches System u. a.

Diese Vorstellung von Gesundheit und Krankheit erinnert mich an das erste Medizinmodell. Allerdings kennt man dort keine prinzipielle Getrenntheit (wovon auch immer).

Anthroposophische Kunstformen habe ich nie körperlich gespürt. Ich kann das theoretische und praktische Konzept also weder rational noch durch Erfahrung einschätzen. Habe aber anthroposophischen Medizin persönlich erlebt:

Durch viele Gespräche mit Hebammen, die an geburtshilflichen Abteilungen anthroposophischer Krankenhäuser tätig waren. Sie berichteten mir von beziehungsreich-empathischer, psychosomatischer, patient:innen-orientierter und auch moderner Medizin. Man versuche, so wenig wie möglich durch medizinische Interventionen zu schaden. Natürliche Prozesse sollten ungestört wirken. Ziel sei eine an Behandlungsstandards orientierte Begleitung, die mit einer niedrigen Kaiserschnittrate einhergehe.

Besonders eindrücklich erinnere ich mich an meine Flucht in eine anthroposophische Abteilung. In einer schwierigen, stressigen Lebenssituation war ein akutes Krankheitssymptom aufgetreten. Verschiedene konventionelle Behandler hatten mir vorgeschlagen, mit unterschiedlichen Waffensystemen und Wunderdrogen in jeweils andere Kriege zu ziehen. Bis ich bei einem anthroposophischen Oberarzt-Kollegen landete. Er konnte zuhören und nahm mich als Mensch wahr. Dann bot er mir an, was er zur Verfügung habe: u. a. klassische Interventionen, konventionelle Medikamente, Homöopathie, „komplexe“ Mischpräparate, Physiotherapie, Pflanzenmedizin, Akupunktur. Er wolle wissen, was davon ich gern e hätte. Denn sicher hätte ich mich bereits schlau gemacht und wüsste, dass in meinem Fall der Nutzen all dieser Maßnahmen jeweils bescheiden sei und nicht durch Evidenz belegt. Verblüfft fragte ich, was er mir denn persönlich raten würde. Worauf er lächelnd empfahl: „Sofort stationär aufnehmen. Handy abgeben. Kein Kontakt, kein Besuch, keine Papiere, keine Bücher. Tür zu. Einfach drei Tage nichts!“ Sein Heilungserfolg war großartig: Er veränderte mein Leben.

Die aktuelle Krise (oder Psychose der Menschheit) äußert sich in dem Symptom, dass unsere Gattung Homo sapiens nur noch Haufen toter Einzeldaten zu verstehen glaubt. Wir haben aber verlernt, Wechselwirkungen in eigendynamischen, selbstorganisierenden Systemen wahrzunehmen.

Vielleicht erahnte Steiner die Gefahr für das Zeitalter des Menschen, wenn wir die Beziehung zum Gesamtsystem verlieren. (McGilchrist 2024) Denn Teilsysteme, die ihre Wechselwirkungen verlieren, sind unweigerlich tot. Wie Spielautos, die ein Kind zerlegt und sich dann wundert, dass sie nicht mehr rollen. 

Schönheit kostet (und bringt) viel Geld. Links: Artikel zu körperlich-psychischen Folgen von „Gesichtsglättungen) (Günther 2010). Rechts: Weleda-Reklame für Naturkosmetik (2024). Auch Wala und Dr. Hauschka werben mit Cremes, die Schönheit schaffen und angeblich weniger schaden als Botox. Ist das so?

Angesichts der Bedrohung durch den Missbrauch sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ (Harari 2024, Uhle 2024), benötigt die Menschheit Universalgelehrte, die neugierig sind, intellektuell flexibel, kritisch-hinterfragend, kreativ, beharrlich, offen, lernbegeistert und interdisziplinär denkend (engl. Polymath). Steiner zählte zu dieser Gruppe vielseitig engagierter Menschen.

Andere Universalgelehrte, wie Galileo Galilei, wiesen aber eine weitere Eigenschaft auf, die sie deutlich von Theologen unterschied: Bescheidenheit. Sie behaupteten nicht zu wissen, wie es ist, sondern diskutierten, wie es auch sein könnte. Und genau die Nicht-Wissen-Können (also das Gegenteil von unerschütterlichem Glauben) hielten sie für den wirksamsten Weg zur Seelenruhe. (Phyrron v. Elis)

Vielleicht interpretiere ich es falsch, aber mir scheint, dass die Anthroposophie die Bedeutung des Geistes überbewertet und die des Körpers unterschätzt. Leben ist (im Gegensatz zu AI oder KI) in Resonanz verkörpert. Etwa wie der Klangkörper einer Gitarre und ihre aufgespannte Saite.

Die Basis des lebenden Seins ist körperlich: Nahrungsaufnahme, Abgabe und Immunfunktion. Das Gehirn entwickelte sich erst viel später als ein Beziehungsorgan, das der Bewegung dient. „Ich, Geist, Seele …“ dienen anderen Körperfunktionen. Achtsames Körpertraining ist Geistesarbeit. Diese Anschauung findet einen Ausdruck in Steiners Eutonie.

Beispiel: Chinese Image Medizin (CIM)

CIM ist ein psychologisch-körperliches Behandlungs- und Bewegungssystem. Philosophie und Methoden wurzeln u. a. in traditionellen chinesischen Medizinvorstellungen (TCM) und in chinesischen Bewegungs- und Meditationsformen.

Xu Mintang, der Gründer von CIM, verbindet Tranceauslösung, Intension mit chinesischer Philosophie, slavischem oder nordasiatischem Schamanismus und quantenphysikalischen Vorstellungen. Er und seine Schüler:innen lehren, dass jede Störung, die zu Krankheitsproblemen führt, einen inneren Zustand bewirkt: ein energetisch aufgeladenes oder leeres Feld. Dieses Bild (Image) könne von erfahrenen CIM-Therapeut:innen gespürt und durch ein anderes positives Bild ersetzt werden. Etwa wie bei der Reframingtechnik des NLP (s. u.). Etwas durch einen anderen Rahmen betrachtet wird (oder besser gespürt), durch die Art des Kontaktes verändert oder aufgelöst.

Meine Erfahrungen mit CIM sind zu kurz, um es beurteilen zu können. Offensichtlich ist es in Ländern slawischer Sprache und in mittlerem und nördlichem Asien weitverbreitet. Auch im englischsprachigen Westen breitet sich CIM langsam aus. Hier fehlt vielen Menschen die Beziehung zu übergeordneten Zusammenhängen und Wechselwirkungen. Die Spiritualität schamanischen Heilens ging in der westlichen Kultur schon lange verloren. Viele Patient:innen vertrauen ihren modernen Wunderheiler:innen nicht mehr, weil der Gesundheitsmarkt von Geschäftsinteressen bestimmt wird und für viele kein übergeordnetes ethisches Prinzip erkennbar ist. Vieles erscheint ohne Seele und Sinn. Die Verunsicherung ist so groß wie die Sehnsucht nach Einheit und Harmonie. Das bietet CIM:

Xu Mintang zählt CIM zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), was teilweise zutrifft.

Beispiel: Tensegridad oder Pasos Magicos

Bei dem System der Pasos Mágicos handelt es sich um Trainingsformen hochkonzentrierter Bewegungsformen in Trance. Dem Training von Intension und Bewegungen sollen schamanistische Rituale, Tänze und gegebenenfalls die Einnahme psychaktiver Substanzen mexikanischer Ureinwohner zugrunde liegen.

Fliegender Schamane aus Castaneda C.: Pasos Mágicos, Barcelona 1998

Der Begriff „Tensegridad“ für das System beruht auf der biologischen Erkenntnis, dass der Körper als Tensegrity-System aufgefasst werden kann und immer als Ganzes in und mit seinem Umfeld kommuniziert. Der Begriff „Pasos Mágicos“ deutet an, dass in Körper und Geist während der Trancearbeit innere Energiefelder beschworen und verändert werden sollen.

Ungesunder Glaube

Bei allen esoterischen Mischformen besteht die Gefahr, dass durch übersteigerten Glauben an heilige Rituale, Trance und durch das Blättern in bedeutungsvollen Schriften Abhängigkeiten entstehen. Blasen abgeschlossener Erklärungssysteme verhindern, die Welt außerhalb des rituellen Theorie-Modells zu sehen und hemmen damit eine selbstbestimmte, autonome Persönlichkeitsentwicklung. Oft führen sie auch zu Verschlimmerungen der geistigen und körperlichen Probleme, die die Suchenden in sektiererische Glaubensgemeinschaften geführt haben.

 „Vertraue und glaube! Es hilft, es heilt die göttliche Kraft!“
Bruno Gröning

Sichere Wege zur Erleuchtung oder zur Gesundung? Die Messe „Spiritualität und Heilen“ bietet fast alles. Foto: Jäger 2018

Aber weil psychisches Leid zunimmt, sind Heilenversprechen (in jeder Form) ein lohnendes, krisenstabiles Geschäft. Der Markt der Gesundheitsschwurbler boomt.

Auf Messen zu „Spiritualität und Heilen“ wird vieles angeboten: alternative Heilweisen, sanfte Medizin, geistiges Heilen, ganzheitliche Lebensberatung, Handanalysen, Astrologie, Aura-Analysen, Energie-Behandlungen, Schamanismus, Magnetschmuck, Matrix-Quantenheilung, Energie-Arbeit, u. v. a.

Hinter vielen der Glaubenssysteme des Esoterikmarktes steckt oft auch ein interessanter Kerngedanke, der auch von kritisch Denkenden akzeptiert werden kann. Denn esoterische Insider-Praktiken können sich aus jeder Form menschlicher Erfahrung und Wissenssuche entwickeln. Etwa so wie Viren, die auch nur Bruchstücke viel größerer Informationssysteme sind, und die doch alles, was für sie empfänglich ist, überschwemmen.

Das Grab von Bruno Gröning: Hand auflegen und Energie spüren heilt sicher. Ein bis heute florierendes Geschäft mit einem verstorbenen „Wunderheiler“. Dillenburg im November 2015 (Bild: Jäger)

Sektiererisches Klammern an einfache Welt-Erklärungs-Konstruktionen kann hochgefährlich sein (Barth 2006). Das gilt besonders für die Mischung aus Trance („Verbundenheit spüren“) und Dogma („Wahrheit sehen“), die u. v. a. als Okkultismus im „3. Reich“ praktiziert wurde.

Im Prinzip können alle esoterischen Rituale oder Praktiken abhängig machen, ausbeuten, in die Irre führen und verschlimmbessern.

Erscheint das, was geschieht, den Nutzer:innen intransparent und undurchschaubar, sind auch die Gefahren in der Regel hoch.

Schul-, Alternativ- oder ‚gute Medizin‘?

Glaube und Vertrauen an sich wirken heilsam. Gläubige Menschen, die ein Grundvertrauen in sich spüren, haben deutlich höhere Heilungschancen, unabhängig davon, woran sie glauben. U. v. a. sinkt bei religiösen Menschen das Risiko, depressive Erkrankungen zu entwickeln. (Miller 2013).

Warum also sollten Ärzt:innen ein starkes Sicherheitsempfinden hinterfragen und damit stören? Insbesondere bei Menschen, die gerade schreckliche Belastungen durchstehen?

Grab Bruno Grönings mit frischen Devotionalien als Zeichen von Frömmigkeit, Hingabe, Ehrfurcht, Dankbarkeit. Foto: Jäger, 2015

Werden Rituale in einer offenen und transparenten Arzt-Patienten-Beziehung angewandt, können sie nützlich sein. Sie unterstützen dabei, sich selbst zu helfen.

Täuschung und Placebologie

Im Deutschen Ärzteblatt wurde dafür geworben, „komplementäres und alternatives … ohne Vorurteile zu prüfen“ (Hübner 2015). Die wissenschaftlich orientierte Medizin solle auch die Wirkung von „Placebos“ ernster nehmen (Jütte 2014).

Das ist eher die Regel als die Ausnahme. In dem Maß, wie sich der Markt der Gesundheitsprodukte und ‑dienstleistungen in allen Lebensbereichen ausdehnt. „Individuelle Gesundheitsleistungen“, bei denen die Grenzen zwischen scheinbar spezifischen und nicht spezifischen Wirkungen verschwimmen, sind dabei ein lukratives Geschäftsfeld.

Die Sehnsucht, reduzierende Naturwissenschaft mit religiöser Mystik zu verbinden, war und ist bei vielen Heiler:innen und modernen Mediziner:innen groß, u. a. bei:

  • Vertretern christlicher, islamischer und jüdischer Religionen, die im Vatikan über die Ethik geistlich-begleiteten Heilens diskutierten (Sokol 2020).
  • Die Bundesärztekammer, die die Anwendung täuschender Medikamente zum Wohle der Patient:innen für ethisch gerechtfertigt hält (Jütte 2010, 2019).
  • Ärzt:innen, die von der Wirksamkeit von „Geist-Heilungen“ berichten (Gopichandran 2015).
  • Der rein marktwirtschaftlichen Pharmaindustrie, die an der Optimierung der Placebo-Wirkungen (www.placebo-competence.eu) forscht.
  • Im „Journal of Religion and Health“, das über die Bedeutung religiösen, spirituellen Denkens im Hinblick auf die Medizin und Psychologie berichtet.
  • Naturwissenschaftlich orientierte Philosophen, die das verstehen wollen, was sie ‚reines Bewusstsein‘ nennen (Metzinger 2023)

Wer sich mit diesem Teil der Gesundheitsdynamik beschäftigen will, steht vor einem wuseligen „Geschwurbel“ unklarer, sich überlappender Begriffe, die Nebelschwaden ausdünsten. Wenn z. B. eine Herangehensweise an ein Problem als „ganzheitlich“ angepriesen wird – weiß er oder sie dann selbst, was damit „eigentlich“ gemeint sein könnte? Ein „Ganzes“ wäre ein klarer Begriff, wenn eindeutig definiert würde, was nicht zum Ganzen gehören soll. Was aber könnte „ganzheitlich“ bedeuten? Könnte eine „Ganzheitlichkeit“ etwas sein, das durch alles hindurchwabert?

Geschäfte mit Gesundheit und Todesangst blühen in allen Formen der Schul- oder Alternativmedizin. Es wäre deshalb klarer, einfach von guter Medizin zu sprechen, die nutzt, oder von schlechter Medizin, die schadet.

Schulmedizin?

Das älteste an einer Akademie unterrichtete medizinische Lehrgebäude stand in China (Maoshing 1995). Kaum ein Gesundheitssystem wird so streng verschult unterrichtet, wie die klassische Homöopathie im 19. Jh. Damals lehrt man an medizinischen Universitäten: zur Ader lassen, schröpfen, kneifen und den Darm reinigen.

Heute ist die Erinnerung an vieles, was einmal zum anerkannten „schulmedizinischen Standard“ gehörte, peinlich. Etwa die „radikale Brustentfernung“ des amerikanischen Chirurgen William Halsted. Um den Krebs zu heilen, entfernte er bei den betroffenen Frauen auch den großen Brustmuskel. Diese Art der Verstümmelung galt etwa hundert Jahre als Goldstandard der Brustkarzinom-Behandlung (Durst 1977). Heute operiert niemand mehr nach ’Halstedt‘ – hoffentlich.

Anders bei der Psychochirurgie: Darunter versteht man die chirurgisch-messerscharfe Behandlung psychischer Leiden und Verhaltensstörungen (Freeman, 1936). Der nicht chirurgisch-ausgebildete Psychiater Walter Freeman praktizierte sie durch einen einfachen Zugang zum Gehirn, und durchstieß die Augenhöhlen mit einem eispickelartigen Instrument. Damit zerstörte er bei (ihm) psychisch auffällig erscheinenden Menschen oder bei stationär-psychiatrisch behandelten Kranken essenziell wichtiges Hirngewebe („frontale Lobotomy“). Die Krankheit, an der die Menschen litten, war dann tatsächlich verschwunden, allerdings ebenso die Persönlichkeit dieser Menschen, die anschließend in Asylen vegetierten. Bis 1967 wurden nach dieser „schulmedizinisch anerkannten“ Methode mindestens 40.000 Menschen operiert, allein von Freeman 3.500. Schließlich wurde seine gehirnzerstörende Methode, die manchmal auch tödlich endete, nicht mehr praktiziert, weil der Nutzen gegenüber den angerichteten Schäden nicht erkennbar war. Eigentlich hätte diese Katastrophe die „schulmedizinische“ Geschichte der Psychochirurgie beenden müssen, stattdessen ebnete Freeman aber den Weg für immer feinere Weiterentwicklungen neurochirurgischer Eingriffe in die Psyche, die bis heute weiterbetrieben werden (Rowland 2005, Mashour 2005, Jeha 2007, Lapidus 2013).

Ist Psychochirurgie, weil sie weiterhin auf höchsten technischen Standards in neurochirurgischen Hochleistungsabteilungen praktiziert wird, ein schulmedizinisches Verfahren? Oder gefährlich-alternativer Blödsinn?

Ist die Anwendung von Antibiotika ohne eindeutige Diagnose, um Grippe-Patienten zu beruhigen, begründet? Nutzten die schulmedizinischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus mehr, als sie schadeten?

Warum wird die Behandlung mit hochwirksamen Medikamenten, die in einem konkreten Zusammenhang „spezifisch schaden“, aber ggf. „nur diffus nutzen“, in Deutschland von der Ärztekammer akzeptiert?Ähnlich wie die Behandlung von Lebensproblemen mit Psychopharmaka? Oder mit den Vernichtungsstrategien gegen sogenannte „chronische Infektionskrankheiten“, deren Existenz kein seriöses Labor nachweisen kann (Beispiel wie z. B. ‚chronische Borreliose‘).

Was spricht also dagegen, den Begriff „Schulmedizin“ ganz wegzulassen?

Und ihn dafür, je nachdem, was gemeint ist, zu ersetzen durch

  • „spezifisch auf ein Problem einwirkende Medizin“, die
  • wissenschaftlich überprüft wird (evidenzbasierte Medizin), oder
  • in einer Leitlinie beschrieben ist, oder
  • durch Standards einer Qualitätssicherung zugänglich ist“.

Was ist alternativ?

Alternativ wäre ein Verhalten, das sich aus guten Gründen nicht an die Weisheit der Mehrheitsmeinung hält. Es gehörte etwa 30 Jahre zum geburtshilflichen Standard, Schwangere vor der Geburt mit einer Fruchtwasserspiegelung zu quälen, die sich 1962 Werner Saling (der Erfinder der programmierten Geburt) ausgedacht hatte. Eine Minderheit von Geburtshelfer:innen wollte den Frauen aber natürliche Geburten ermöglichen und lehnte auch die Amnioskopie ab. Solange, bis sie mangels Nutzen endlich abgeschafft wurde.

Das, was früher einmal alternativ war, kann sich manchmal tatsächlich zu einer universitär empfohlenen Standardmethode mausern. Etwa die Art der Cholera-Behandlung, die Florence Nightingale Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte. Sie pflegte ihre Cholera-Infizierten in hygienisch sauberen Räumen mit frischer Bettwäsche, sie kümmerte sich liebevoll um sie, sorgte für reichlich Flüssigkeitszufuhr und hielt von ihnen Menschen fern, die die Cholera-Infektion „bekämpfen“ wollten (damals mit Aderlass – heute wäre es, genauso sinnlos, „mit Antibiotika“).

Ein anderes Beispiel für eine gelungene Methode außerhalb des Expertenkonsenses ist die sogenannte „Känguru-Methode“ zur Aufzucht untergewichtiger frühgeborener Babys. Diese werden auf die nackte Haut der Mutter gelegt, warm eingepackt und herumgetragen, wobei sie Mamas Herzschlag beruhigen. Bevor man das tat, lagen sie hygienisch korrekt und isoliert von Mama in ihrem Brutkasten. Die „alternative“ Methode wurde in Lateinamerika entwickelt, kam von dort u. a. nach Österreich und setzt sich seither als wirksames Konzept langsam aber sicher durch.

Die große Masse der „Alternativ- oder Komplementärmedizin“ oder der „unkonventionellen Therapien“ bietet gegenüber dem gängigen Medizinverständnis ein anderes Krankheits- oder Gesundheitsmodell, das nicht überprüfbar sein soll. D. h., man muss daran glauben, oder zumindest akzeptieren, dass die Welt auch so sein könnte, wie es das Erklärungsmodell beschreibt, um dann auszuprobieren, was geschieht, wenn die Methode angewandt wird.

Viele Menschen, die ein Scheitern der Beseitigung ihrer Krankheitsprobleme erlebt haben, suchen andere Erklärungsmodelle, die ihrem Leid einen neuen Namen geben und alternative Wege der Bekämpfung eröffnen. Entstand dann eine Besserung, lag es für sie oft daran, dass die alternative Methode wirkte, veränderte sich aber nichts, dann lag es sicher an der falschen Art der Anwendung, die daher modifiziert werden müsse.

Wenn das so ist, entwickelt sich Abhängigkeit. Dann werden in einem „esoterischen“, „übersinnlichen“, nicht-definiert-ganzheitlichen Nebel eines Glaubenssystems Schein-Krankheiten bekämpft, und die Betroffenen lernen nur wenig, wie sie ihre Lebensprobleme selbst angehen können. Stattdessen droht ihnen eine Verschlimmbesserung ihres Leidens durch Scharlatanerie, Plazebologie oder den Kommerz der individuellen Gesundheitsleistungen oder der Drogeriemedizin.

Es ist aber ebenso möglich, dass im Rahmen einer empathischen Beziehung starke „nicht-spezifische“ Wirkungen entstehen, die sich auf eine Gesamtpersönlichkeit auswirken. Sie können zu einem ruhigeren, energievolleren Zustand führen und eine Veränderung des Verhaltens nahelegen. Solche System-Wirkungen unterscheiden sich von spezifischen Effekten, die an einem Teil oder einem Faktor ansetzen, die also punktgenau, wie ein modernes Arzneimittel, einen ganz bestimmten, einzelnen Rezeptor treffen.

Akupunktur ist z. B. eine Methode, deren spezifische Einzelfaktorwirkungen relativ klein sind (gegenüber Spritzen mit einem Medikament). Akupunktur löst aber erhebliche „nicht-spezifische“ Wirkungen aus (GERAC 2007), die lindernd sein können oder Selbstheilung fördern sollen. Gründe dafür sind die Erfahrung einer schmerzhaften Hautverletzung, von der die Erwartung ausgeht, dass sie nütze (wie beim Impfen), und die vorausgegangene Kommunikation durch die körperliche Untersuchung und das therapeutische Gespräch. Ein anderes Beispiel für eine fast ausschließlich „nicht-spezifische“ Wirkung wäre der Beruhigungs-Effekt durch eine Klangmassage, der sich von der spezifischen Wirkung eines Beruhigungsmittels, das an einem Zellrezeptor ansetzt, deutlich unterscheidet.

Ein Denkfehler bei vielen „alternativen Methoden“, die in erster Linie über psychologische Prozesse wirken, ist es zu behaupten, dass sie gar nicht „systemisch“, sondern tatsächlich „spezifisch“ wirksam seien. Denn nur dann könne man glauben, dass ihre Methode wirke. Das Vorgaukeln einer vermeintlichen Tatsache ist aber für „nicht-spezifische“ Effekte unnötig, wie das „Känguru-en“ zeigt: Neugeborene, die Mamas Herz hören, sie fühlen und riechen, haben deutlich bessere Überlebenschancen, als die, die im Inkubator nur korrekt spezifisch behandelt werden.

Obwohl sie weder an den Effekt glauben, noch wissen, warum er eintritt.

Was spricht also dagegen, auch den Begriff „Alternativmedizin“ abzuschaffen

und, je nachdem, was gemeint ist, zu ersetzen durch

  • „Maßnahmen, die über Kommunikations-Effekte nicht spezifische System-Wirkungen anregen“, und
  • die wissenschaftlich überprüft werden, z. B. hinsichtlich von Verhaltensänderungen oder der Einsparung von weiteren Gesundheitskosten oder spezifischen Therapien, oder
  • die dazu verhelfen, das Verständnis für Zusammenhänge zu erweitern und damit das Selbstmanagement zu stärken, oder
  • für die Ausbildungsstandards vorliegen, und die einer Qualitätssicherung zugänglich sind.

Entweder ist Medizin gut oder schlecht

Alle Methoden, die im Gesundheitsmarkt angeboten werden, sollten einer wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich sein, nachweislich mehr Nutzen als Schaden bringen und weder Abhängigkeit noch hohe Folgekosten verursachen.

Statt der unnötigen, verwirrenden, beliebig auslegbaren Begriffe „schul-“ und „alternativmedizinisch“ sollte beschrieben werden, ob bestimmte Methoden überwiegend „spezifisch“ oder „nicht spezifisch“ wirken. Jedes medizinische Heilverfahren enthält im Prinzip beides in unterschiedlicher Abmischung und Schwerpunktsetzung:

Ein spezifischer Effekt wirkt punktgenau und ist an einem Teilsystem sehr exakt messbar. Medikamente und Interventionen, die so wirken, haben (möglichst) geringe Systemauswirkungen und (hoffentlich) wenig Nebenwirkungen.

Methoden dagegen, die „nicht-spezifische“ Wirkungen auslösen, beziehen sich auf einen Zusammenhang, auf ein Netz von Beziehungen oder auf ein einzelnes oder mehrere Lebewesen. System-Effekte beruhen im Wesentlichen auf Kommunikationswirkungen. Sie sind nicht so leicht messbar, weil die Wissenschaft gerade erst damit beginnt, sie ernst zu nehmen.

Unabhängig davon, ob eine Methode „spezifisch“ oder „nicht-spezifisch“ wirkt, kann ihr Nutzen daran gemessen werden, ob Geld für weitere Behandlungen eingespart werden kann. Denn wer weniger Bedarf verspürt, Gesundheitsprodukte zu kaufen, gesundet vermutlich.

Könnte moderne Medizin von esoterischen Heils-Systemen lernen?

Die moderne Medizin reduziert die Realität auf Einzelfaktoren, die man bekämpfen kann. Damit hat sie sich verrannt.

Sie hat verlernt, die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen psychischen und körperlichen Faktoren ernst zu nehmen. Dafür müsste der Zusammenhang, in dem Probleme und Störungen auftreten, an Bedeutung gewinnen. Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Einzelkomponenten müssen einen größeren Stellenwert erhalten als tote, isolierte Teile, die man nur in einem Labor erkennen und zu verstehen glaubt.

Und vor allem müsste sich die Qualität der Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen verbessern. Täuschung und Hokuspokus müssten geächtet und die Stärkung der Rolle der Patient:innen gefördert werden.

Mehr

Literatur

Literatur zu „guter oder schlechter Medizin“

  • GERAC – Studien 2002-2007
  • Hübner J et al: Onkologie: Komplementäres und Alternatives: Ohne Vorurteile prüfen. Dtsch Ärztebl 2015; 112(14): A-622 / B-532 / C-518
  • Jäger H: A dose of humility, BMJ 2015;351:h3857
  • Jeha EL et al.: Surgical outcome and prognostic factors of frontal lobe epilepsy surgery, Brain 2007, 130: 574–584 
  • Jütte R. et al.: Placebo: Wirkungen sind messbar. Dtsch Arztebl 2014; 111(21): A-936 / B-802 / C-760
  • Lapidus KA et al:History of psychosurgery: a psychiatrist’s perspective. World Neurosurg. . 2013 Sep-Oct; 80(3-4):S27.e1-16. d Epub 2013 Feb 16.
  • Maoshing Ni: Der gelbe Kaiser. Das Grundlagenwerk der chinesischen Medizin. W. Barth Verlag, München 2002, Originalausgabe: The Yellow Emperor’s Classic of Medicine, Boston, 1995
  • Mashour et al.: Psychosurgery: past, present, and future, Brain Research Reviews 48 (2005) 409–419 
  • Metzinger T.: Der Elefant und die Blinden, Berlin Verlag 2023
  • Müller W.: Steiners Bedeutung für die Gegenwart, Info Verlag, 2021
  • Psychochirurgie: Wiki-Eintrag (engl), History of Psychosurgery
  • Watzlawick P., Naedone G.: Kurztherapie und Wirklichkeit, Piper 2001, Neuauflage 2012

Literatur zu ‚Esoterik‘

  • Assmann J.: Religio duplex. Verlag der Weltreligionen 2017
  • Barth, Claudia (2006): Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Aschaffenburg: Alibri-Verl.
  • Gopichandran V.: Faith healing and faith in healing. Indian J Med Ethics. 2015
  • Jütte R (2019): Selbst eingebildete Pillen können wirken Dtsch Arztebl 2019; 116(31-32): A-1426 / B-1181 / C-1165 h-ps://www.aerztebla-.de/archiv/209146/Placeboforschung-Selbst-eingebildete-Pillen-koennen-wirken
  • Jütte R. et al.: Placebo: Wirkungen sind meßbar, DÄB 2014, 21: 802-804, www.aerzteblatt.de/14936
  • Jütte R. et al. (2010): Placebo in der Medizin 22.12.2010, Deutscher Ärzte Verlag, . „Pseudo-Placebo“ s. Seite 182. Die Zeitschrift „Journal of Religion and Health“ untersucht die zeitgenössischen Formen des religiösen und spirituellen Denkens mit besonderem Schwerpunkt auf ihrer Bedeutung für die aktuelle medizinische und psychologische Forschung.
  • Miller L et al.: Neuroanatomical Correlates of Religiosity and Spirituality: A Study in Adults at High and Low Familial Risk for Depression. JAMA Psychiatry. 2013 Dec 25:1-8
  • Sokol D.: Religion and spirituality in medicine: friend or foe? Religion may be profoundly important to some patients but is not a trump card, BMJ 2020;368:m106
  • Wootton D: Bad Medicine: Doctors Doing Harm Since Hippocrates, Oxford University Press 2006

Literatur zu TCM

  • Littlejohn R.: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32
  • Tripp E.: Wie funktioniert die Akupunktur? Shiatsu Newsletter 153, 01.02.2009
  • Tripp E.: Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur, Shiatsu-austria, Magazin, 105
  • Unschuld P.: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. Beck. 2003
  • Unschuld P.: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine: A Chinese View from the Eighteenth Century, Paradigm Publications, 1998

Literatur zu Psychotherapie

Literatur zu Anthroposophie

  • Harari YN.: Nexus: Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Existenz. Pinguin 2024
  • McGilchrist I.: Meta-Analyse zur Bewusstseinsforschung „The matter with things“ : https://channelmcgilchrist.com/matter-with-things/ Animiertes Comic-Video eines Vortrags von 2011: – Vortrag zur Bedeutung des „Heiligen“ und der „Wahrheit“ der Religion: https://www.youtube.com/embed/OpCIHhw4i8g?feature=oembe 
  • Müller W.: Zumutung Anthroposophie, Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart. Info3 Verlag
  • Uhle C.: Künstliche Intelligenz und echtes Leben, Fischer 2024

Letzte Aktualisierung: 20.04.2026