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21. August 2026

„Begriff“ kommt von „begreifen“.

Wer etwas begreift, wendet es hin und her und betrachtet es von unterschiedlichen Seiten. Wie ein Kind, das versucht, Gegenstände zu rollen, und aus dieser Erfahrung allmählich ein Wort formt: „Ball“ (im Gegensatz zu Nicht-Ball). Verbindung und Beziehung lassen etwas erleben, das mit bisheriger Erfahrung verglichen und so verstanden werden kann. Erst dann können genauere Untersuchungen von Details und Nuancen zu mehr Klarheit führen.

Werden Worte benutzt, ohne ihren Sinn und Zusammenhang begriffen zu haben, verwandeln sie sich in Waffen.

Trennung

Ein Begriff vereinfacht. Das, was gemeint sein könnte, wird deutlich erkennbar für andere form-uliert. Das ist wichtig, um Klarheit zu gewinnen. Alles Unwesentliche wird weggelassen. Ein komplexer Zusammenhang („Dynamik der Atmosphäre“) wird auf das gerade jetzt Bedeutsame zusammengestutzt („Wolke“). Es entsteht ein Laut, ein Wort, eine Diagnose, eine Anweisung. Alles andere wird ausgeschlossen.

Das ist sehr praktisch, denn jetzt kann die Klarheit des Begriffes in eine Kategorie einsortiert werden („Tiefdruck“) und zu einer Handlungskonsequenz führen („Regenschirm mitnehmen“).

Sprachen und Begriffe sind Werkzeuge: Nützliche und praktische Konstruktionen, die uns helfen, den Alltag besser zu bewältigen.

Die ersten Worte folgten aus Gesten („auf einen Stein zeigen“), um damit eine Tätigkeit zu fordern: „Mit einem anderen Stein draufschlagen!“ Bis heute gleichen unsere Worte kulturell erlernten Mini-Programmen, die Bewegungsfunktionen triggern: Gestik und Sprache, mit Kehlkopf, Händen oder Füßen. Man muss zuerst ein inneres Bild für „Stein“ und „Klinge“ aufscheinen lassen, um dann durch Gesten oder Laute anderen zu befehlen, aus dem Einen durch Bearbeiten etwas Anderes herzustellen.

Für mich sind Tätigkeiten wie Texte formulieren, zeichnen und aufschreiben, Aspekte des Begreifens. Ich muss Gedanken, Worte, Zusammenhänge und Begriffe erst in Handarbeit formen, um sie berühren und halten zu können. Erst über die Hand nehmen sie, wie ein behauenes Figürchen, für mich Gestalt an, und können erst dann geschliffen werden.

Der trennende Aspekt der Worte und Begriffe wird in unserer Kultur zurzeit stark betont. U. v. a. auch durch die Art unserer Schrift, die nicht mehr fließt (wie das Persische oder Arabische) und die völlig ohne Bilder auskommt, wie das Chinesische. Unsere Worte verleiten zu Unterscheidungen: wie richtig oder falsch, gut oder böse, Knochen oder Muskel, Hirn oder Darm, Mensch oder Erde. So erscheint uns die „Sonne“ eindeutig, weil sie etwas außer uns Existierendes meint. Etwas Äußeres, mit dem wir umgehen können. In der Realität sind wir aber Teil eines ungetrennten Strahlen- und Kräftefeldes, das uns umgibt, durchdringt und ausmacht. ‚Sonne‘ ist davon nur eine Erscheinung, die man auch anders nennen könnte.

Ähnlich ist es mit Begriffen wie „Vergangenheit“, von der wir uns aktiv konstruierte Geschichten erzählen. Und die wir von der „Zukunft“ trennen, Die bisher aber noch niemand gesehen hat. Das zu tun, ist nützlich. Aber alles, was in Bewegung „ist“ (belebt oder unbelebt), kann nur das sein, wie es sich eben gerade entwickelt. Das könnte man Gegenwart nennen. Allerdings ist Gegenwart, wenn sie bewusst wahrgenommen wird, auch schon wieder vergangen.

Menschliches Denken, Fühlen, Spüren und Handeln funktionieren wunderbar auch ohne Begriffe wie „Ich“, „Es“, „Seele“, „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“. Z. B. in lückenlosen Verbindungen mit dem, was geschieht. Das kann man mit dem Begriff Flow bezeichnen oder mit Verbindung oder Wechselwirkung oder Prozessorientierung oder Gewandtheit.

In unserer Kultur werden kriegerische Begriffe in Politik, Gesellschaft, Kommerz oder Medizin zunehmend betont (Nolte 2023). Ihnen liegt ein trennendes Verständnis der Welt zugrunde: Probleme, Krankheiten, Gegner, die es zu bekämpfen gilt. Die umgekehrte Betrachungsmöglichkeit auf ungetrennte Zusammenhänge wird weitgehend verdrängt. Im Westen kämpft man gegen, und immer seltener für etwas. Denn Möglichkeiten, Sinn, Visionen sind vielgestaltig und voller Übergänge und Grauzonen. Sie verändern sich, und sie passen, wie alle Kunst, die wir bestaunen, in keine festen Kategorien.

Beziehung

Eine andere Sichtweise geht auf Konfuzius (551–479 v. u. Z.) zurück. Er hielt nicht die Begriffe selbst, sondern deren ‚Richtigstellung‘ für wichtig. 

Denn „wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht. … der Edle duldet nicht, dass in seinen Worten etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.“ (Quelle: Konfuzius: Gespräche, Kap 14, Buch 13, Staat: Richtigstellung der Begriffe, übersetzt von Richard Wilhelm).

In China symbolisiert ein Schriftzeichen ein Wirkungsgefüge. Das chinesische Schriftzeichen verweist auf einen komplexen Zusammenhang, der verstanden und vermittelt werden soll.

Für Konfuzius sollten die Begriffe vorwiegend nützlich sein: Einfache Werkzeuge, auf deren Handhabung man sich einstellen müsse, bevor man rede. Seine Begriffe enthielten keine Wahrheiten, wie „Genau so ist es – und nicht anders!“. Er empfahl nur, man solle Rituale so handhaben, „als ob“ etwas wahr sei. So solle man Opfergaben so darbringen, als ob es Götter oder Ahnen gäbe, die das (genauso) befohlen hätten. Ob es diese höheren „Wahrheiten“ aber tatsächlich gibt, ist in der von ihm geprägten östlichen Philosophie uninteressant, weil das meiste, was uns an Realität umgibt, „unsagbar“ sei (also nicht in Begriffen eingefangen werden kann).

Bis heute wird der konfuzianische Zentralbegriff ‚Menschlichkeit‘ (Ren) als höchste Staatstugend genannt. Was ‚Ren‘ ist, hat dabei weniger Bedeutung, als das, was man (dem unscharfen Leitgedanken ‚Ren‘ folgend) tut (oder tun muss).

Zhuangzi (Lackbaum-Pächter und Dao-Philosoph) schrieb vor 2300 Jahren über solche Wortklaubereien: „Die Fischreuse existiert wegen der Fische. Wenn man den Fisch gefangen hat, kann man die Reuse weglegen. Die Kaninchenfalle gibt es nur wegen des Kaninchens. Wenn du das Kaninchen erwischt hast, kannst du die Schlinge vergessen. Wörter (Begriffe) existieren wegen ihrer Bedeutung. Wenn man die Bedeutung (Idee) verstanden hat, kann man sie vergessen.“ (Mehr: guenter-wohlfart.de)

Werkzeuge

Begriffe gleichen Messern, die einen Teil aus einem (in der lebenden Realität) Nichtgetrennten herauslösen. Das ist wirksam, um einen Schinken von einem Knochen, eine Welle vom Meer, einen Quark vom Elektron-Wirbeln, oder den Geist vom Körper zu unterscheiden. Das so Abgetrennte lässt sich dann einfacher handhaben und untersuchen. Es wird (wenn es erst einmal benannt wurde) geformt, manipuliert, verändert, bekämpft, repariert, zerstört oder neu geschaffen.

Sind Begriffe erst einmal in der Welt, kann man über sie streiten. Oder mit ihnen herrschen. Oder andere betrügen. Oder: manipulieren, Macht ausüben, Geld verdienen. Meist wird in den Wortfeuerwerken im Streit um Begriffe vergessen, dass jeder Begriff (zwangsläufig) einen vielgestaltigen Antibegriff definiert. Der Begriff „Wasser“ ergibt nur Sinn, wenn es etwas gibt, das nicht Wasser ist. Die Betrachtung dieses scheinbaren Gegensatzes hilft dabei, zu verstehen, was mit der Nutzung des Begriffes „eigentlich“ gemeint ist. Denn zwischen dem einen („Finger“) und dem anderen („Nicht-Finger“ – z. B. „Unterarm“ u. v. a.) gibt es (solange etwas lebt) zahllose Verbindungen. Es sei denn, sie würden abgetrennt oder zerstört. Das Benannte („eine Maus“) wechselt und fließt in und mit dem Nichtbenannten. Also mit allem (was z. B. „Nicht-Maus“ ist).

Keine anderen Worte beschreiben die Relativität der Begriffsbildung so gut wie „alles“ und „nichts“. Ein stärkerer Gegensatz ist undenkbar, und doch gleichen sie sich. Die Beobachtung der Natur scheint Heraklit zu bestätigen: dass alles eins sei und das eine alles. Einschließlich des Nichts (z. B. die Leere zwischen Quark und Elektron). Mir erscheinen Begriffe relativ. Ich möchte die Sicht derer verstehen, die sie benutzen. Und ihre Nützlichkeit als Werkzeug einschätzen, oder ihre Gefährlichkeit als Waffe.

„Nichts ist das Glück des aufgeklärten Pessimisten, denn nichts kommt dem Glück so nahe wie Nichts.“
Ludger Lütkehaus: Nichts. Haffmans, 2003

Begriffs-Verformungen

Eine Klärung der Begriffe könnte vor einem ideologischen Streit, weitreichende Folgen haben. Die sind aber oft unerwünscht, weil man ja anderen zuhören müsste. In solchen Situationen ist es einfacher, die Begriffe zu verformen oder umzudeuten. Sie also passungsfähiger und durchschlagkräftiger zu gestalten. So wurden innerhalb kürzester Zeit aus (bis dahin vom Changemanagement gewünschten) ‚wichtigen Querdenkern‘ ‚bösartige Querdenker‘, die der Weisheit der Regierenden widersprachen. Oder Begriffe, die zuvor etwas Unterschiedliches bezeichneten: „gentherapeutische Behandlung“ (eine Therapie) und „Impfung“ (eine vorbeugende Maßnahme) wurden zusammengelegt. (Doshi 2021).

Schon einige Jahre zuvor hatte der Biologe Marc Mendelson gefragt, ob selbst ein so einfaches Phänomen wie die zunehmende Antibiotika-Resistenz, nicht auf einem Verständnisproblem beruhe (Mendelson 2017). Denn die medizinbeherrschende Sprache benenne Keime, die man „bekämpfen“ müsse. Und darüber hinaus ein militärisches Immunsystem, das man für den Krieg zu „stärken“ habe. Die Verwendung solcher irreführender Begrifflichkeiten, die den Medizinmarkt bestimmen, sorgt dafür, dass Strategien, wie man ein Immunsystem „beruhigen“ und ein friedliches Zusammenleben mikrobieller Ökosysteme „fördern“ könne, vernachlässigt werden.

Besonders deutlich werden die Strategien der Begriffs-Verformungen in der Kriegspropaganda:

Wird massenhaft Gewalt angewendet, könnte man es etwa einfach ‚Krieg‘ nennen. In den Medien wird es aber (je nach Standort) schlagartig umbenannt:

  • begrenzte Militäroperation, präventive Tötung, vorbeugende Friedenssicherung, Vaterlandsverteidigung, Schutz unserer Bevölkerung, Verteidigungskrieg …
  • oder Verbrechen, Massenmord, ethnische Säuberung, feiger Angriffskrieg, Vernichtung, Genozid

Wer kann noch unterscheiden, ob es sich um einen ‚Soldaten‘ oder einen ‚Terroristen‘ handelt? Die Begriffe der Propaganda sind selektiv, wertend, verdrehend. Je nachdem, ob man eine ‚brutale Eroberung‘ beschreiben will, oder eine ‚ersehnte Befreiung‘.

Worte und Begriffe werden so zur Munition, um das andere zu vernichten.

Wird jemand getötet, umgebracht oder ermordet, nennt man den Verursacher Totschläger, Mörder, Verbrecher, Faschist, Rassist, Psychotiker, Schlächter, oder Soldat, Spezialagent, Scharfschütze, Drohnen-Programmierer, Held. Je nachdem, für welche Kriegspartei das Lebenslicht anderer ausgeknipst wurde.

Nahezu synchron tauchen ähnliche Varianten und Bezeichnungen in allen Medien der jeweiligen Kriegspartei auf. Wer Krieg einfach nur „Krieg“ nennt, und dessen Ende fordert, macht sich (auf beiden Seiten) verdächtig.

Die Sprach-Begriffs-Verwirrung begegnet uns in allen Formen von Propaganda-Fake-Deep-Fake-Kommerz in unendlich vielen Varianten. Es wird dann für die, die Kriege nicht wollen, aber erleiden müssen, immer schwieriger, nicht verrückt zu werden. Noch herausfordernder wäre es, weiterhin ruhig zu bleiben, und selbst zu denken.

Die Chat-Bots entwerten gerade die Welt der Worte und der formulierten Sätze. Alles, was jemals gesagt wurde, gehört längst irgendwelchen KI‑Datenbanken. Das müsste eigentlich dazu führen, dass das Interesse nach dem Unsagbaren aller Lebewesen, also nach ihrer inneren und äußeren Körperlichkeit (ihrem Wesen), steigen müsste. Ganz banal müsste z. B. bei Menschen das Interesse an Faszien, Haut- und Bindegeweben steigen, die sich vollkommen unbewusst, unabhängig vom Nervensystem intelligent verhalten (als ein Teil eines Ganzen).

Neue Begriffe

Die verschiedenen Krisen, die uns gerade beuteln (neue Pandemien, sinnlose Kriege, drastische Biosphären-Krankheiten, Zerfall übergeordneter Wertesysteme …), gleichen sich in der Verwirrung der sprachlichen Versuche, sie zu erklären, oder sie interessengeleitet zu nutzen. Eigentlich müssten wir (unsere Gattung) anders denken, als die Menschen, die uns in diese Krisen geführt haben. Wir müssten uns dringend fragen, wie unsere Lebensform ihre verbleibenden evolutionären Chancen nutzen könnte.

Stattdessen beharren wir „… innerhalb der Logik des westlichen kapitalistischen Weltbezuges. Anstatt das Wachstumsparadigma und den Konsumismus zu überdenken …“. (Schouwink 2022)

Der Hirnforscher Eugen Roth, hat das, was Viktor Frankl „Sinn“ nannte und Aron Antonowsky „Kohärenz“, aus biologischer Sicht neu formuliert: „Nur die intrinsische Belohnung, gespeist aus tiefer Überzeugung, erschöpft sich nicht in ihrer Wirkung“ (Roth 2021).

Um aus den Multikrisen herauszukommen, benötigen wir Visionen, die auf dem emotional-körperlichen „Es“ gründen. Auf dieser Basis müssen neue, geeignete Begriffe geformt werden für positive Visionen (Nolte 2023). Sonst werden wir von immer neuen Tsunamis des Irrsinns weggespült.

Neue Begriffe für wichtige komplexe Zusammenhänge und Möglichkeiten häufig intellektuell verquast und sperrig: „Convivialismus“ zum Beispiel oder „Person Network Theory“. (Latour, Büscher 2024, Fuchs 2025).

 „Zusammen – leben“ halte ich für ein besseres Wort. Der bisher verwendete Begriff Konvivialität ist im Deutschen noch sperriger als der englische Coviviality. Er schreckt Nicht-Lateiner ab. Konvivial-ismus ist noch schlimmer, weil alle -ismen nach Ideologie und dogmatischer Verbohrtheit riechen. Das ist hier aber (im Sinne Ivan Illich’s) vollkommen abwegig. Denn gemeint ist kein gewaltsamer Umsturz, sondern ein generelles Umdenken. Und dem kommt man vielleicht näher, wenn viele miteinander reden und sich zuhören. 

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Letzte Aktualisierung: 21.08.2026