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150 Jahre Keim-Theorie

Seit Ende des 19. Jahrhunderts kämpft die Medizin ‚gegen‘ etwas:

  • gegen äußere Angreifer
  • gegen Feinde, die uns hemmen oder bedrohen
  • gegen Viren, Bakterien, Pilze
  • gegen Krebszellen

Heute benennt Medizin das Böse, isoliert es und merzt es aus. Radikal, ohne Rücksicht auf Verluste, bis zum Sieg. Und sie verspricht, dann sei alles wieder so, wie vorher.

Seit sich vor 150 Jahren militärisches Denkens bei Ärzten und Pharmakonzernen durchgesetzt hat, haben Ruhe, Besonnenheit, Verstehen und lebensorientiertes Handeln in der modernen Medizin an Bedeutung verloren.

Freitag am 09.12.2021: Zitat: „Eine gesunde Welt ist möglich … Impfstoff global: Die Idee ist simpel und einfach: Wenn alle geschützt sind, ist die Pandemie vorbei“

Früher gab es mal das WHO-Motto ‚Gesundheit für alle‘ (Verhaltens- und Verhältnis-Prävention). Heute ist es „Medizinprodukte für alle“ – öffentlich finaziert und ohne Haftung.

Ganz anders in der Physik: Dort wurde Ende des 19. Jh. das mechanische Denken von Ursache und Wirkung abgelöst, durch ein Verstehen komplexer Wechselbeziehungen zahlloser Faktoren. Scharfe Trennungen (wie außen Böses und innen Gutes) sind der Naturwissenschaft seither fremd.

Die Geburt der Keimtheorie.

Vor zwei Jahrhunderten war es noch gefährlich, Ärzte aufzusuchen, wenn man gesund werden wollte. Selbst John Snow, der geniale Chirurg, der entdeckte, dass Cholera durch Trinkwasser übertragen wird, verschlimmerte den Zustand seiner Patient:innen mit Aderlässen. Obwohl die damalige Schulmedizin (der alten Säftelehre) bezüglich der neuen Krankheit Cholera nichts zu bieten hatte.

Die erste tatsächlich spezifisch-wirkende Behandlung erfand ein Kapitän (James Cook, 1776): Sauerkraut als Vorbeugung vor Vitamin-C-Mangel (Skorbut). Das sei ihm aber erst gelungen, nachdem er „zuvor streng alle Ärzte von Bord gewiesen“ habe.

Auch die „Dame mit der Lampe (Florence Nightingale)“ war (selbst bei der Cholera) erfolgreich, weil sie ärztliche Eingriffe in ihren Pflegeeinrichtungen untersagte. Stattdessen ließ sie ihre Patient:innen (nicht-spezifisch wirksam) pflegen und betreuen.

1852 entwickelte der Arzt Rudolf Virchow nach der Beobachtung einer Typhus-Epidemie die „Sozialhygiene“: Es seien mangelnde „Bildung, Wohlstand und Freiheit“, die die Entstehung von Krankheit begünstigten. Es sei Aufgabe der Ärzte, Störungen zu erkennen, und Aufgabe der Politiker, für geordnete, gesunde Verhältnisse zu sorgen.

Weil ihm aber auch die „Umwelthygiene“ wichtig war, setzte sich Virchow in Berlin für eine sichere Trinkwasserversorgung ein, und für eine Kanalisation zur Ableitung des Schmutzwassers. Wie sein Kollege Max von Pettenkofer in München glaubte an die Gefahren krank machender Gift-Stoffe und deren Fernwirkungen (Morabia 2007)

Die Idee der Krankheitsentstehung durch tote Umweltgifte formulierte als erster der Grieche Galenos (129–201 n.u.Z.). Erweitert wurde die Theorie von Fracastorius (1478–1553) in Verona. Genial bestätigen konnte sie 1696 der „Ulmer Stadtphysikus“ Eberhard Gockel, dem es gelang, das Krankheitsbild des „Bauchgrimmen“ zu erklären. (Eisinger 1982)

Ein anderes bedeutendes Risiko für Krankheitsentstehung erkannte 1795 der englische Arzt Alexander Gordon: medizinische Interventionen. (Gould 2010, Dunn 1998) Aber erst 1847 wurde die ‚Händewaschung‘ mit Chlorkalklösung von Ignaz Semmelweis in der Gebärabteilung im AKH Wien eingeführt, gegen großen Widerstand (Goddemeier 2011)

„Bazillen“ wurden erst 1850 von dem Chemiker Antoine Béchamp entdeckt. Er beobachtete beim Mikroskopieren, dass seine Labor-Pflanzen dann anfällig waren für „Besiedlungen“ mit Mikro-Tierchen, wenn er sie vernachlässigt oder gestört hatte. Wenn er z.B. an Licht-, Wasser oder Nahrungsmangel litten. Daraus schloss er, dass „Bazillen“ friedlich im Inneren gesunder Organismen lebten, und sich erst (nach außen sichtbar) infolge einer tieferen Krankheitsursache vermehrten.

Im Prinzip seien die Miniwesen harmlose oder sogar nützliche Mitbewohner gesunder Lebewesen (so wie wir heute das Mikrobiom und die Mitochondrien beschreiben).

Bernhard-Nocht (der 4. von rechts) in Ostafrika, im Kreise von Offizieren, die gleichermaßen (im Großen) Auständische und (im Kleinen) Seuchen bekämpfen wollten. Bild: abfotographiert im BNI, Original Anfang des 20. Jh.

Erst sein jüngerer Kollege Louis Pasteur verwandelte Béchamp’s „Symbionten“ in Terroristen (Hume 1932), und erschuf damit die Keimtheorie. In Deutschland wurde sie begeistert aufgenommen, u.a. von Robert Koch (Hontschik 2022), Jacob Henle, und Paul Ehrlich, der das Böse zielgenau mit „Zauberkugeln“ wegbomben wollte. Im Zeitalter des Imperialismus war das eine geniale Idee, die Politikern und Kolonialoffizieren sofort einleuchtete.

Infektionen, wie Tuberkulose, seien nicht etwa die Folge des Elends, in dem die Menschen der frühen industriellen Revolution lebten. Sondern die Ursache, ohne am Elend und der Ausbeutung etwas zu ändern.

Im Großen (bei Revolten) und im Kleinen (bei Infektionen) konnte man jetzt gemäß gleicher Gesetzmäßigkeiten handeln: Gegner erkennen, benennen, isolieren, bekämpfen, vernichten, ausmerzen.

Und so kämpft die Medizin bis heute mit immer besseren Waffensystemen gegen Viren, Bakterien und gegen den Krebs. (Gøtzsche 2023)

Vollständige Artikel und Literatur

Letzte Aktualisierung: 06.06.2024