Narkolepsie und Pandemrix®

Anfallsartiger Schlaf. materiaincognita.com.br/tag/nordicos

Mehr Fragen als Antworten.

2009 wurde in weltweiten Massenimpfungen ein bis dahin neuartiger Influenza-Impfstoff eingesetzt. Nach der weltweiten Massen-Impfkampagne Pandemrix® fiel in Europa ein Anstieg der Zahl der Narkolepsie-Erkrankungen auf.

Narkolepsie

Narkolepsie-Patienten leiden an einer schweren Hirnfunktionsstörung, bei der zentrale Rhythmus-Zellen betroffen sind. Den Betroffenen gelingt es nicht mehr, einen geregelten Tag-Nacht-Wechsel aufzubauen.

Die schwere Form der Narkolepsie mit kurzzeitigem Muskelversagen wird durch den Verlust von Nervenzellen verursacht, die das Mini-Eiweiß (Neuropeptid) Hypocretin oder Orexin tragen. Hypocretin wird von den Nervenzellen im Mittelhirnbereich unterhalb des Thalamus (Tor zum Bewusstsein) hergestellt. Bei der Entstehung der Narkolepsie spielen sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle. Die meisten Patienten mit Narkolepsie tragen einen bestimmten Gentyp (mit dem Leukozytenantigen HLA-DQB1*0602). Zellen der Immunabwehr erkennen das natürlich-vorkommende Zell-Antigen bei bestimmten Immun-Stimulationen dann als fremd, wenn es der Struktur eines von außen herangetragenen Fremd-Eiweißes gleicht. Als potentieller Auslöser für einen solchen autoimmun-vermittelten Mechanismus könnten entweder Influenza-Viren selbst in Frage kommen (wie bei Narkolepsie in China vermutet) oder Impfstoffe gegen Influenza, wie inzwischen bei Pandemrix® nachgewiesen. (Dye 2016)

Steward
Die Epidemiologin A. Steward, fragte über drei Jahrzehnte bohrend nach, ob eine „harmlose“ Belastung für ein ungeborenes Gehirn schädlich sein könnte. Bis dann bewiesen war, dass sie es war.

Narkolepsie und Pandemrix®

Die Ergebnisse sorgfältiger Nachuntersuchungen in Finnland, Großbritannien und Frankreich lassen vermuten, dass das Risiko für das Entstehen einer Narkolepsie bei 1: 10-15.000 Pandemrix®-Impfungen lag. (Ahmed 2015). Überwiegend waren Kinder betroffen. Das Risiko für Narkolepsie war allerdings auch bei Erwachsenen erhöht (Stowe 2016).

Insgesamt sollen durch Pandemrix® in Europa etwa 1.300 Personen an Narkolepsie erkrankt sein (Vogel, 2015). Die Dunkelziffer ist groß, denn die Vermarktung von Pandemrix® an dreißig Millionen Europäern wurde 2009 nicht von Post-Marketing-Studien begleitet.  Die bekannten Fälle an Narkolepsie beruhen nur auf den Meldungen von Ärzten betroffener Patienten. Sie beinhalten weder leichtere noch untypisch-ähnliche Störungen, noch Fälle, die erst einige Jahre nach dem auslösenden Ereignis auftreten. (Verstraeten 2016, Bollaerts 2016).

In der Publikation von Ahmed (2015) wurde erstmals vermutet, dass ein Eiweißbestandteil des verwendeten Antigens zu Antikörperbildungen gegen das Neuropeptid Hypocretin im Gehirn geführt habe. Das sei bei anderen Influenza-Impfstoffen (u.a. in Kanada) nicht der Fall gewesen.

Dagegen habe der neuartige Pandemrix®-Zusatzstoff „AS03″ bei der Narkolepsie-Auslösung keine wesentliche Rolle gespielt (Ahmad 2015).

ASO3 ist eine Öl-in-Wasser-Emulsion: Inhalt pro Impfdosis:
0,5 ml 10,69 mg Squalen, 11,86 mg DL-α-Tocopherol und 4,86 mg des Emulgators Polysorbat 80 in einer Phosphatpufferlösung

ASO3, war wie andere Zusatzstoffe bei Impfungen auch, wichtig, um die Immunantwort auf die Impfung wirksam zu steigern (Jackson 2015). Dieser Wirkmechanismus birgt bei einem vorgeschädigten Immunsystem ein Risiko für Immunfunktionstörungen.

Verteilung des Antigens HLA-DQB1*0602. Aus Ahmed. Hum Vaccin Immunother. 2016

Auch in den Folgepublikationen bekräftigt Ahmad (2016, 1 und 2), dass AS03 (in Pandemrix®) das Narolepsie-Risiko nicht erhöht habe. Der oben genannte Zusammenhang der Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Rezeptoren der Rhythmuszellen sei dagegen bestätigt worden. Ebenso sei wahrscheinlich, dass das Narkolepsie-Risiko mit einer genetischen Disposition (dem Vorkommen von HLA-DQB1*0602) zu tun habe. Dies erkläre, warum die Narkolepsierisiken weltweit so ungleich verteilt gewesen seien (Canelle 2016).

Viele Fragen seien aber trotz des Einsatzes eines sehr großen Expertenteams weiterhin ungeklärt, da es sich bei der Narkolepsie-Auslösung nicht um einfache Ursache-Wirkungsbeziehungen handele.

Für manche Forscherinn/en scheint es (erstaunlicherweise) immer wieder verwunderlich zu sein, dass bei einfachen Interventionen in hochkomplexe Systeme mit völlig unkalkulierbaren (und im Nachhinein oft nicht mehr aufklärbaren Wirkungszusammenhängen) gerechnet muss:

The complexity of this disease process is why our original investigation assembled an international team of 20 experts spanning vaccine discovery and development, informatics, formulations, in vitro cell biology, biologics (antibody) profiling, quantitative sciences, assay development, epidemiology, neurosciences, immunology, and mass spectrometry. … More lessons are sure to be learned from ongoing studies in narcolepsy and vaccine-associated narcolepsy. Ahmed 2016

Immunstörungen, Diabetes Typ 1 und Pandemrix®

2014 war in Schweden über erhöhte neurologische und immunologische Störungen nach der  Impfkampagne mit Pandemrix® berichtet worden (Perrson 2014). 2017 habe eine genauere Analyse bisher nicht zugänglicher Daten ergeben, dass in Schweden etwa 150 zusätzliche Diabetes 1 Fälle, insbesondere in den Zielgruppen 10-19 Jahre, aufgetreten seien (Anderson 2017). Diese Personen hätten ebenfalls ein Anrecht auf Entschädigung.

Welcher Nutzen stand bei Pandemrix® den erst viel später erkannten Risiken gegenüber?

Pandemrix® sollte 2009 einer (fälscherweise erwarteten) „hohen Sterblichkeit“ durch ein neuartiges Influenza-virus (H1N1) vorbeugen. Wie alle „Grippe“-Impfstoffe, beruhte die Vermutung der Wirkung gegen einen bestimmten Influenzavirustyp auf Messungen von Antikörperanstiegen nach Impfungen gesunder Testpersonen. Es war nicht bekannt, ob die Impfung tatsächlich die Personen schützen würde, die aufgrund von Vorerkrankungen oder ihrer Konstitution für „Grippe“ besonders gefährdet gewesen waren. Denn bei Immungeschwächten fällt natürlich auch der Impferfolg geringer aus.

Wieviele Personen durch die Impfstoffvermarktung während der milden Influenzasaison 2009 durch Pandemrix® vor dem Tod oder vor Langzeitschäden bewahrt wurden, ist mir nicht bekannt. Wäre diese Zahl groß gewesen, hätte man in Polen einen Anstieg der „Grippe“-Todesfälle beobachten müssen. Denn Polen war das einzige Land in Europa, dass sich der Pandemrix®-Vermarktung verweigert hatte. In Polen wurde aber während und nach der Schweinegrippe-Pandemie nichts Ungewöhnliches gemeldet, und natürlich auch kein Anstieg von Narkolepsiefällen.

Die Lehre aus dem Pandemrix®-Fiasko

Die Narkolepsie und Diabetes 1 Risiken  wurde eher zufällig durch spontane Meldungen entdeckt und nicht im Rahmen systematischer Nach-Vermarktungs-Studien (Gadroen 2016). Daraus folgt als wesentliche Lehre

  • Massenimpfungen mit geringem Nutzen und nicht kalkulierbaren Risiken sollten nicht mehr durchgeführt werden (Lundgren 2016).
  • Wenn wieder neue Impfstoff an großen Bevölkerungsgruppen getestet werden sollten (z.B. gegen Zika im Süden der USA) sollten diese Versuche von systematischen Post-Marketingstudien begleitet werden, und eine eindeutige Entschädigungsregulung bei Schadensfällen etabliert sein. (Halabi 2017)

Die „Grippe“-Impfung in der Schwangerschaft

Offenbar können auch nicht adjuvantierte Influenzaimpfstoffe während der sensiblen Phase der Ausreifung von Hirn- und Immunfunktion in der Schwangerschaft Risiken bergen. Bei Pandemrix® soll der eigentliche Impfstoffbestandteil (das Antigen) für das Narkolepsie-Risiko verantwortlich gewesen sein, und nicht der Zusatzstoff (AS03).

Einem zweifelhaften Nutzen einer Influenza-Impfung in der Schwangerschaft stehen unkalkulierbare Risiken gegenüber.

Man sollte sie daher unterlassen.

Mehr

Vorsorgeprinzip

Impfungen

Fehler-Lernen

Literatur

  • Ahmed S et al: Antibodies to influenza nucleoprotein cross-react with human hypocretin receptor 2,  Science Translational Medicine 2015, Vol. 7, Issue 294, pp. 294ra105
  • Ahmed S et al (2016-1): Mechanistic insights into influenza vaccine-associated narcolepsy. Hum Vaccin Immunother. 2016 Dec;12(12):3196-3201. Volltext
  • Ahmed S et al (2061-2): The Safety of adjuvanted vaccines revisited. Vaccine induced Narcolepsy. IMAJ March-April 2016
  • Anderson P: Hidden authority study data have come to light: besides narcolepsy, the swine influenza vaccine Pandemrix caused type 1 diabetes. J Intern Med 281, 2017. 99-101
  • Bollaerts K et al: Application of Probabilistic Multiple-Bias Analyses to a Cohort- and a Case-Control Study on the Association between Pandemrix™ and Narcolepsy. PLoS One. 2016 Feb 22;11(2):e0149289. doi: 10.1371/journal.pone.0149289. eCollection 2016. Volltext
  • Canelle Q et al: Evaluation of potential immunogenicity differences between Pandemrix™ and Arepanrix™. Hum Vaccin Immunother. 2016 Sep;12(9):2289-98. Volltext
  • Vaccine. 2016 Sep 22;34(41):4892-7. doi: 10.1016/j.vaccine.2016.08.062. Epub 2016 Aug 28.
  • Gadroen K: Patterns of spontaneous reports on narcolepsy following administration of pandemic influenza vaccine; a case series of individual case safety reports in Eudravigilance. Vaccine. 2016 Sep 22;34(41):4892-7
  • Halabi S et al: A Global Vaccine Injury Compensation System JAMA. 2017;317(5):471-472
  • Dye TJ et al.: Epidemiology and Pathophysiology of Childhood Narcolepsy. Paediatr Respir Rev. 2016 Dec 21. pii: S1526-0542(16)30134-8
  • Jackson et al., Effect of Varying Doses of a Monovalent H7N9 Influenza Vaccine With and Without AS03 and MF59 Adjuvants on Immune Response, A Randomized Clinical Trial, JAMA, 2015, 314(3):237-246
  • Lundgren  B et al: ‘Rhyme or reason?’ Saying no to mass vaccination: subjective re-interpretation in the context of the A(H1N1) influenza pandemic in Sweden 2009–2010 Med Humanit. 2015 Dec; 41(2): 107–112.  Volltext
  • Perrson I et al: Risks of neurological and immune-related diseases, including narcolepsy, after vaccination with Pandemrix: a population- and registry-based cohort study with over
    2 years of follow-up. J Intern Med 275, 2014. 172-90
  • Stowe J et al Risk of Narcolepsy after AS03 Adjuvanted Pandemic A/H1N1 2009 Influenza Vaccine in Adults: A Case-Coverage Study in England. Sleep. 2016 May 1; 39(5): 1051–1057.  Volltext
  • Verstraeten T et al: Pandemrix™ and narcolepsy: A critical appraisal of the observational studiesHum Vaccin Immunother. 2016 Jan; 12(1): 187–193. Volltext
  • Vogel G, Narcolepsy link becomes to pandemrix flu vaccine becomes clearer, Scinece 2015 Vol 349(6243):17, Link

Autor: Helmut Jäger

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