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16. Juni 2026

Frühe Beziehung (Bonding)

Menschen sind geprägt durch Liebe und Beziehung

Die Entwicklung eines Menschen wird bestimmt durch den Zeitraum vor, während und nach der Geburt. Der Verlauf der ersten 1000 Tage ist entscheidend für das ganze Leben.

Die Bedeutung der Schwangerschaft

Vor der Geburt besteht ein Organismus aus einer ungetrennten Zweiheit. Es gibt weder anatomisch noch physiologisch eine Mutter, die von einem Kind getrennt wäre, sondern einen Menschen in einem hochkomplexen Zustand, der sich auf eine spätere Trennung vorbereitet. Diese eine Form des Lebens besteht, bis sie durch einen äußeren Eingriff oder durch die Geburt getrennt wird.

Dieser Zustand ist im Detail unfassbar. Vergleichbar vielleicht mit der Kernteilung (Mitose) in einem einzelligen Lebewesen. Dabei wird im Inneren eine Teilung vorbereitet, während die äußere und die innere Struktur so lange ungetrennt bleiben, bis neue Funktionen ausgereift sind.

Hélène Delforge, Quentin Gréban: Mama. Ars edition, München 2019, ISBN 978-3-8458-2992-0

Während der Schwangerschaft gleicht der Fötus einem Organ (wie dem Gehirn), das durch eine (wenige Zellen dünne) Membran begrenzt wird. Mit allen anderen Organen ist es untrennbar im Stoffwechsel verbunden, wird von ihnen durchdrungen und geprägt.

Eine ähnliche Einheit anatomisch getrennter Organe besteht zwischen den beiden Großhirnhälften erwachsener Menschen, die unabhängig voneinander agieren können, und doch untrennbar verbunden sind, in natürlicher Funktion und Wechselwirkung harmonisch zusammenklingen.

Das ruhige Zusammenwirken aller Körperfunktionen einer Frau ist die Grundlage für das Entstehen ungestörter, komplexer Schwingungen, Rhythmen, Modulation und Klangfarben, die für Leben typisch sind. Denn aus einer endlichen Anzahl einzelner Elemente entstehen unendliche Kombinationen.

Die Entwicklung wachsenden Lebens wird von allen Körperfunktionen, deren Wechselwirkungen und der Umwelt geprägt. Schädigende Einwirkungen können sich in dieser verletzlichen Lebensphase lebenslang auswirken. Stress kann beim Fötus zu kurz- und langfristigen neurologischen Entwicklungsverzögerungen führen oder die Anfälligkeit für psychische Störungen in der späteren Kindheit erhöhen.

Die Feten durchlaufen gegen Ende der Schwangerschaft eine sehr sensible Phase der epigenetischen, neuronalen, hormonalen, genitalen, und immunologischen Entwicklung. Schädigungen in diesem Zeitraum beeinflussen u. v. a. die genetische Ausprägung von Erbanlagen.

Umweltgifte, Medikamente und deren Zusatzstoffe verändern die Immunfunktion der Schwangeren. Sie verschlechtern die Chancen für die Immunentwicklung nach der Geburt.

Ob und wie externe Einflüsse stören, zählt meist zum „unbekannten Nichtwissen“. Besonders wenn sie auf Funktionszusammenhänge im Zellkern und in den Mitochondrien wirken. Bei medizinischen Interventionen in hochkomplexe Zusammenhänge ist der Nutzen oft fraglich. Oft sind die möglichen Schäden und Wechselwirkungen nicht untersucht und wirken sich ggf. lebenslang aus.

Der Schutz schwangerer Frauen hat daher einen besonders hohen Stellenwert. Daher hat – besonders während der Schwangerschaft – der Grundsatz medizinischen Handelns eine herausragende Bedeutung: „Zuerst nicht schaden!

Geburt, Trennung und innige Beziehung.

Die Geburt verwandelt eine ungetrennte Einheit in eine Beziehung zweier selbstständiger Wesen (Symbiose). So, als entstünde aus einem Klang mit unterschiedlichen Begleitschwingungen eine Resonanz der Klänge zweier Instrumente.

Vor der Geburt bereiten sie die unterschiedlichen Körperfunktionen allmählich auf eine Trennung vor. Sie wird vollzogen, wenn die Hirnfunktionen der Mutter und des Kindes sich schlagartig verändern, noch während die Nabelschnur pulsiert (Abfall des Dopamin- und Endorphinspiegels bei der Mutter und Anschalten der Flutlichtanlage im Gehirn des Kindes). Im Gegensatz zu allen Schafen oder Kühen, lassen große Affen die Nabelschnur auspulsieren, während sie das Kind annehmen.

Bevor das Kind wirklich komplett getrennt ist, und bevor das kindliche Herz die Sauerstoffversorgung des Gehirns vollkommen übernimmt, bildet sich eine neue Qualität einer Beziehung aus zwei (anatomisch getrennten) Leben, die weiterhin psychologisch eine Einheit bilden werden. Die Beziehung wird gleichermaßen in Wechselwirkung im Gehirn der Frau wie in der des Kindes geprägt, u. a. durch die Ausschüttung der Hirnhormone Oxytozin und Vasopressin. Sie sorgen dabei für zweierlei: eine starke Bindung nach innen und eine starke Abwehr nach außen.

Die frühe Prägung der Atmung im Uterus erklärt, warum Ausatmung beruhigt: Denn beim „Fruchtwasser-Auspusten“ spielte der Fetus nur, wenn das Umfeld gerade weich und die Atmung der schlafenden oder ruhenden Schwangeren langsam und gleichförmig ausatmete. Deshalb wird das Kind nach der Geburt durch eine lange Ausatmung der Mutter beruhigt: durch Flüstern, Singen, Babysprache, Lautmalereien oder Schmerz-Wegpusten. Ausatmen bleibt zeitlebens eine der wichtigsten menschentypischen Kommunikationsformen. Lange vor der Ausbildung von Worten.

Lange vor der Geburt wurde im Fetus die Fähigkeit trainiert, Einatmung geschehen zu lassen und aktiv auszuatmen: In Ruhephasen der Schwangeren erwacht der Fetus und dehnt sich mit den Beinchen aus und reckt sich in die dann weichen Bauchdecken. Dadurch entsteht ein passiver Zug am Beckenboden, der einen Unterdruck erzeugt, der Fruchtwasser einströmen lässt. Allmählich bildet sich dann ein Hirnaktivitätsmuster aus, das zur Ausstoßung des Fruchtwassers führt. „Ein“ erfolgt in diesem Spiel weitgehend passiv, das dagegen „Aus“ erfordert, wird aktiv gestaltet. Menschen, die überwiegend sitzen, ist dieses Grundmuster fremd.

Wenn wir laufen, können wir es bewusst beobachten. Die Beckenbodenaktion lässt die Luft einströmen, das Auspusten kann bewusst variiert werden. Der Rhythmus der Atmung und das Gehen bleiben zeitlebens eng verzahnt: Andante (italienisch für ‚gehend‘) bezeichnet ein bewegt langsames Tempo der Musik, das sich wie ein ruhiges, gleichmäßiges Schritttempo anfühlt.

Innige Beziehung (Bild Jäger 2015)

Das Neugeborene erlebt im Fluss der Ausatmung die Entspannung aufgedehnter Faszien (z. B. im Beckenboden) und löst die Muskelaktivität von Mund und Rachen. Dann entdeckt es reflexartig, dass bei aktivem Auspusten gewaltige Geräusche entstehen können, die Erwachsene zum Handeln zwingen.

Wird es dann beruhigt, entdeckt das Kind als Nächstes, dass es auch möglich ist, den Mund beim Ausatmen vollkommen gelöst geschlossen zu lassen, wobei eine leichte Vibration entsteht (mmmmmm). Wenig später öffnet es zufällig den Mund ganz weit und erlebt ausatmend ein Geräusch (aaaaaaaaaa), und schließlich kombiniert es dann beides, und daraus entsteht weltweit das Gleiche: mmmaaa mmmaaa mmmaaa mmmaaa. Aber natürlich nur in inniger Beziehung zu Mutter (denn sonst würde es schreien oder erstarren).

Erst später entstehen daraus allmählich mmmuuu oder mmmiii oder mmmooo (als Kombination aus a und u) und schließlich die Vielzahl möglicher Variationen von Vokalen und Konsonanten, aus denen sich dann, wie aus Bauklötzchen, erste stammelnde Worte oder Baby-Melodien formen (Tönen).

Beim Kind sorgt die Dehnung der Lungen für die Umstellung des Kreislaufsystems. Sein Gehirn beginnt, durchflutet von Noradrenalin, Informationen aufzusaugen wie ein Schwamm. Nerven, Bewegungsapparat und innere Regulationskreise beginnen sich in ständiger Rückkopplung auszubilden. Die Zellrhythmen differenzieren sich, und mit ihnen entwickeln sich Darmfunktion und Immunsystem.

Auch die Mutter erlebt eine drastische Umstellungsphase: Die Östrogen-, Progesteron- und Cortisolspiegel fallen ab, und die Adaptation an das Leben ohne Schwangerschaft verändert das Gehirn und die Immunfunktion.

Beide Beziehungspartner, die sich jetzt aufeinander einstellen müssen, sind anfangs instabil, verletzlich und schutzbedürftig.

Was ist Beziehung?

Weil du (1) verstanden hast, glaubst du auch, (2) zu verstehen?
Denn (1 + 1 = 2). Aber hast du auch (+) verstanden? Sufi

Beziehungsgefüge sind einzel‑Faktoren‑orientiertem Denken (in der Tradition von Descartes) fremd. Mütter und Kinder sind keine biologischen Roboter, bei denen ein bestimmtes Hormon oder ein Nerv, wie in einem Uhrwerk, eine genau definierte Reaktion hervorruft.

Beide atmende (lat. spirituelle) Wesen entwickeln sich einzigartig in Interaktionen innerer Bewegungen und äußerer Einflüsse. Die Biologie ihrer Systeme wird von dynamischen Wechselwirkungen bestimmt, die sich miteinander in Resonanz verbinden.

Teilaspekte, wie die Oxytocin-Wirkung oder die Myelinisierung des Vagusnerven, die Entwicklung von Darmfunktion, Mikrobiom und Immunsystem können zwar theoretisch (aus didaktischen Gründen) gesondert dargestellt werden. Einen Sinn ergeben sie aber erst bei einer integrierenden Betrachtung eines lebenden Zusammenhangs. Da sie durch Beziehungen, Wechselwirkungen und Streueffekte miteinander verbunden sind.

Der Prozess der Bindung zwischen Mutter und Kind erschließt sich also nicht aus der Anhäufung immer größerer Mengen wissenschaftlich-experimentell gewonnener Informationen. Um ihn zu verstehen, ist es zugleich nötig, ihn sinnlich als Wachstum und Veränderung zu erleben.

So wie die Vermessung der Einzelbestandteile eines Instrumentes ein Klangerleben nicht ersetzen kann. Besonders, wenn sich aus den Stimmen mehrerer Instrumente gemeinsame Schwingungen ergeben, die sich beeinflussen und verstärken.

Oxytocin

Das von Nerven hergestellte Signal-Molekül Oxytocin besteht aus neun Aminosäuren. Es wird überwiegend im Mittelhirn im Nucleus supraopticus und im Nucleus paraventricularis hergestellt und über die Nervenenden in der Neurohypophyse freigesetzt. Oxytocin soll vor etwa 700 Millionen Jahren aus einer Variante des Vasopressins hervorgegangen sein. Beide Moleküle sind beteiligt an der Homöostase, der Energiebalance, dem Flüssigkeitshaushalt (Pruimboom 2016), den Funktionen der Sexualität und Reproduktion, der Laktation, der Rückbildung des Uterus, und an der Neuro-Modulation sozialer Wahrnehmung und Verhaltens.

Oxytocin spielt auch eine Rolle bei der Regulation anderer Hormone, u. a. endogener Opiate, ACTH, Substanz P (Neuropeptid Schmerzrezeption), Dopamin, Serotonin, Vasopressin, Cholecystokinin (Peptidhormon im Darm und Gehirn), Prolaktin, Estradiol, Leptin (Neuroprotein/Appetitregulation). Unter der Vermittlung von Oxytocin reifen Nervenverbindungen aus, die für einen gleichmäßigen, synchronisierten Rhythmus der Aktivitäten der Neurosekretion und für eine plastische Anpassung der Hirnregionen sorgen. (Miani 2016)

Im Gehirn sind beteiligt: die orbitofrontalen und präfrontalen Cortices, der Mandelkern (Amygdala/Gefahrenerkennung), der Hippocampus (Gedächtnis-Konsolidierung), die mediale praeoptische Region, die Stria terminalis, der Hippocampus (Gedächtnis), der Nucleus accumbens (Dopamin/Belohnungssystem) und die dopaminabhängigen Fasern zur ventralen tegmentalen Region.

Sicherheit und Vertrauen (Jäger, Gombe, Tansania 1985)

Grundbaustein sozialen Verhaltens

Das Besondere der Säugetier-Evolution ist die Qualität der auf Kommunikation gegründeten Elternschaft. Um ernähren, schützen und versorgen zu können, sind u. a. Oxytocin-Signale nötig. Oxytocin fördert (bereits unmittelbar nach der Geburt) die Synchronisierung des Verhaltens zwischen Mutter und Kind. Und bildet so die Grundlage für die soziale Organisation und die emotionale Entwicklung.

Bei etablierter Bindung an ein Neugeborenes weisen Eltern einen höheren Oxytocin-Spiegel auf, der durch die Interaktion mit dem Kind noch weiter steigt. Damit werden im Mittelhirn neuronale Verbindungen verstärkt, die Angst dämpfen und empathische Reaktionen fördern. Kortikale Bereiche, die zu negativen Reaktionen auf kindliches Schreien führen würden, werden gedämpft. Bei niedrigen Oxytocin-Spiegeln sind die Fähigkeiten, aggressionsarme soziale Beziehungen einzugehen und Belastungen auszuhalten, deutlich vermindert.

Oxytocin wird bei Kleinsäugetieren ausgeschüttet, wenn ihre Säuglinge Laute von sich geben. Mama hört dann das in dieser Situation Wesentliche und kann selektiv das Geschnatter anderer Nervenzellen dämpfen. Oxytocin hilft, die Reizüberflutung einzugrenzen, um sich auf essenzielle, soziale Beziehungen konzentrieren zu können. U. v. a. auch durch die Anregung der Kiemenbogennerven (u. a. Trigeminus, Facialis, Vagus). Diese aktivieren u. a. in Ruhe die Innenohr-Muskulatur, die die Frequenz der wahrgenommenen Luftschwingungen einschränkt: So erscheinen nur die Laute der engsten Artgenossen bedeutsam zu sein, und dadurch werden Herz- und Atemfunktionen weiter beruhigt.

Das Auge des Neugeborenen konstruiert eine Bedeutung aus dem Chaos unendlicher Formen und Farben: Erst zwei immer wiederkehrende Punkte, dann ein Strich dazwischen, und schließlich ein Querstrich, der sich an den Enden nach oben und unten bewegt – das ist Mamas-Gesicht!

Sein Ohr dagegen nimmt ungefiltert wahr, wie es ist, modifiziert aber das Einflutende durch aktive Muskelanspannung im Mittelohr, um so das herauszufiltern, was gerade wirklich entscheidend ist: den Klang menschlicher Stimme. So vermittelt das Ohr als zentrales Sinnesorgan nicht nur Signale, sondern Stimmigkeit, Bedeutung, Sinn und Orientierung im Raum.

Resonanz mit der Mutter erhöht, stimuliert auch beim Kind den Oxytocin-Spiegel, und begünstigt dort die Ausreifung der Funktion des frontalen Kortex, des Mittelhirns und der Vagus-Funktion des Stammhirns.

Andere Neurohormone aktivieren, wie Dopamin, den Organismus, oder sie dämpfen ihn, wie Serotonin. Oxytocin-Moleküle begünstigen dagegen ruhige, angstfreie, besonnene, sorgsam-aufmerksame Tätigkeiten, unabhängig von einer direkten Befriedigung eigener Grundbedürfnisse. Die Rezeptoren für Oxytozin finden sich nicht nur im Gehirn und im Uterus, sondern nahezu in allen Körperorganen (u. a. auch im Herzen, den Nieren und im Pankreas). Dort bewirken sie an unterschiedlichen Zelltypen sehr verschiedene dämpfend-beruhigende, aktivierende und verbindend-modulierende Wirkungen. Sie vermitteln u. a. auch Abwehrreaktionen gegenüber etwas Fremdem, das außerhalb eines bestehenden Bindungs-Gefüges steht.

Die Rezeptoren von Oxytocin und Arginin-Vasopressin (AVP) sind sich in ihren Strukturen sehr ähnlich. In Tierversuchen wurden Wechselwirkungen zwischen ihnen nachgewiesen. Es ist sogar möglich, dass der Effekt der Förderung sozialer Kommunikation von Oxytocin auf einer Anregung des AVP-V1A-Rezeptors beruht, und nicht auf einer direkten Wirkung auf den Oxytocin-Rezeptor.

„Eltern werden“ ist eine einschneidende Erfahrung.

Bevor jemand zu einem Vater oder einer Mutter wird, bewertet ein langjährig erworbenes „Ich“, ob etwas, was gerade geschieht, „gut oder schlecht für mich“ sei. Diese „Ich-Konstruktion“ löst sich nun in einer innigen Beziehung auf und wird zu „Wir“. Kein Lebewesen kann das so gut wie ein Mensch. 

Der Nerven-Botenstoff Oxytozin spielt bei den Veränderungsprozessen des Gehirns, die zu einer dieser Verwandlungen des „Ich“ führen, eine tragende Rolle. Es wirkt zugleich beruhigend, strukturierend und unterstützend. Die noch unsichere  Kommunikation zwischen Kind und Mutter wird unter dem Einfluss von Oxytozin stabilisiert.

In dem mütterlichen Schutzraum enger Bindung eingehüllt, können beim Kind Hirnverbindungen ausreifen, die die Grundlage bilden für viel spätere Verhaltens-Einstellungen: Empathie, Vertrauen, Kooperation, Uneigennützigkeit, Selbstgewissheit, Sinn. Je früher die dafür nötigen Rückkopplungsschleifen angeregt werden, desto wirksamer können sie anschließend durch liebevolle Erziehung geprägt werden.

Die Verhaltensmuster der Mutter-Kind-Bindung werden unter Oxytocin-Einfluss synchronisiert, besonders dann, wenn die Mütter durch die sie umgebenden Sozialstrukturen ausreichend gestützt wurden, weil sie dann sensibler auf kindliche Äußerungen reagieren kann.

Bei Frauen mit niedrigem (endogenen) Oxytocin-Spiegel besteht ein höheres Risiko, nach der Geburt psychisch zu erkranken (postpartale Depression).

Die Entwicklung der Bindungsfähigkeit

Die Ausdifferenzierung der Gehirnstrukturen beginnt in der achten Schwangerschaftswoche. Ihr folgen verschiedene Phasen der Proliferation und der Beginn der Nerven-Ummantelung ab der 28. Schwangerschaftswoche (Myelinisierung).  Bereits ab der 16. Schwangerschaftswoche werden Kinder durch die Moleküle der Amnionflüssigkeit angeregt und beginnen, den Geschmacks- und später auch den Geruchssinn auszubilden (Underwood 2016).

Der störanfällige Prozess der Hirnfaltung beginnt langsam ab der 24.Schwangerschaftswoche und vervollständigt sich ab der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt.

Von der 16. Schwangerschaftswoche bis zum sechsten Monat nach der Geburt wird 50 % der angelegten Hirnsubstanz wieder abgebaut  (sogenannte Apoptosis: Regression und genetisch gesteuerter Zelltod). Alle Zellen, die keine Synapsen ausbilden konnten, weil sie unbenutzt blieben, werden dabei zerstört. Nur das, was verwendet und in neuronale Bahnen einbezogen wird, bleibt. Erfahren, Erleben und Benutzen sind daher im Zeitraum vor und unmittelbar nach der Geburt für die Hirnentwicklung von essenzieller Bedeutung.

Während der Schwangerschaft durchläuft das fetale Gehirn eine enorme Entwicklung mit Migration, Proliferations-Umbau und Differenzierung der Gehirnzellen und Ausbildung von wichtigen Nervenbahnen und Rückkopplungs-Schleifen. Diese Phase ist sehr störanfällig. Deshalb scheint das Entstehen psychiatrischer Erkrankungen wie Autismus, ADHS, Asperger oder Alzheimer u. v. a. mit schädigenden Einflüssen auf den Neokortex in der Schwangerschaft in Zusammenhang zu stehen.

Nervenzellen, die zu einem ungünstigen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung gestört werden,
können die Ausbildung einer ganzen Hirnregion behindern.“ Hilgetag 2006

Direkt nach der Geburt müssen dann u. a. drei genetisch angelegte (und epigenetisch beeinflusste) Funktionskreisläufe ausreifen:

  • Die hormonale Verbindung zwischen Mittelhirn-Hypothalamus und den Nebennieren.
  • Die Verbindung von Mittelhirn (über die basalen Vagus-Nerven-Kerne) zur Herz- und Lungenfunktion.
  • Die Rückkopplung zwischen Darm, Mikrobiom, Immunfunktion und Hypothalamus.

Die Prägung dieser Funktionen in den ersten Stunden nach der Geburt hat deshalb Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung nach der Geburt bis zum Erwachsenenalter (Hrubý 2013).

Die Stabilisierung anfangs noch unreifer Nervenverbindungen erfolgt durch stetig wiederholende Nutzung, die zu neuronalen Proliferation, Ummantelung der Nerven (Myelinisierung) und Synapsenverbindungen führt.

Die dabei eingeschlagenen Wege, die immer wieder genutzt werden, stabilisieren sich, so als würde ein Wanderer wiederholt durch neuen Schnee stapfen und eine feste Spur hinterlassen, die selbst nach dem Fallen von Neuschnee noch sichtbar bleibt.

Das Kind beruhigt sich im frühzeitigen Haut‑zu‑Haut‑Kontakt durch den Geruch und die Herzgeräusche der Mutter, und es nimmt über Haut und die Vormilch der Mutter die Bakterien des mütterlichen Mikrobioms auf. Damit stabilisieren sich die physiologischen Umstellungsprozesse und die lebensnotwendigen Anpassungen von Atmung und Kreislauffunktion beim Kind und zugleich bei der Mutter (Saxton 2015).

Frühe Bindung fördert hirnphysiologische Umbauprozesse bei Mutter und Kind. 

Etwa fünfzehn Minuten nach der Geburt beginnt das Kind spontan mit Bewegungen, bei denen es auf der Brust der Mutter sucht. Innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt gelingt ihm auch das Saugen. Und mit der Vormilch nimmt es dann die Darmbakterien der Mutter in sich auf. 

Das Neugeborenen-Gehirn wird mit Noradrenalin-Konzentration durchflutet, um die lebenswichtigen Hirnfunktionen zu aktivieren. Während der Geburt war es für das Kind noch wichtig, unter Druck und bei Gefahr „still zu sein“. Dieser „Tauchreflex“ reifer Neugeborener (Stillhalten und Herzrhythmus drosseln) wird durch die Aktivität des hinteren Anteils des Vagusnervs vermittelt. Nach der Geburt ist es nötig, auf Belastungen mit Aktivierung zu reagieren. Das Aktivierungssystem wird durch Noradrenalin-Durchflutung des Gehirns und durch sympathische Nervenknoten bewirkt.

Erst danach kann es auch an der Brust der Mutter „still genießen“.

Neugeborene können sich nicht selbst beruhigen.

„Sich selbst beruhigen“ erfordert (u. a. neben Oxytozin) die Ummantelung des vorderen Kerns des Vagusnerven (Nucleus ambiguus).

Auch die Entwicklung einer beruhigenden Immunfunktion erfordert Zeit, u. a. für die Prägung der Immunzellen durch rückkoppelnde Kommunikation  mit dem (über die Mutter vererbten) Mikrobiom

Diese für die Entwicklung zum Erwachsenen bleibend wichtigen Funktionen entwickeln sich dadurch, dass sie immer wieder genutzt werden. Die selbstständigen Steuerungsfunktionen von Herz, Lunge und Immunsystem reifen so durch den sozialen Kontext der Bindung aus.

Die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen

Die Erfahrungen der ersten neun Monate in der Gebärmutter sind entscheidend für die Entwicklung von Krankheiten im späteren Erwachsenenleben: Diabetes, mangelnde Stress-Resistenz, Adipositas, neurodegenerative Erkrankungen u. a. (Faa 2014). Nach der sogenannten „Two-Hit“-Hypothese schränken fetale oder frühkindliche Fehl-Programmierungen des Gehirns seine Flexibilität ein, spätere Belastungen gesund zu überstehen. Funktionelle Störungen der späteren Hirnentwicklung und – koordination können sich aus vielen schädigenden Einflüssen ergeben, die jeweils allein für sich genommen, „relativ“ harmlos gewesen wären: mütterlich-erlebter Stress, Suchtmittel, Medikamente, Fehlernährung, Umweltgifte, Aktivierung des Immunsystems (autoimmun oder infektiös), Mangelversorgung durch die Plazenta.

Noch störanfälliger als die Hardware-Entwicklung des fetalen und frühkindlichen Gehirns in Form von Zellen, Strukturen, Verbindungen und Molekülen ist das Einschwingen des Hirn-Körper-Systems auf Rhythmen, Beziehungs- und Resonanzmuster, die die spätere „psychologische“ Wirkung dieses Organs und seiner Verbindungen ausmachen. Die störungsfreie Ausbildung von Hochfrequenz-Oszillationen des Hirns ist als Rhythmusgeber und „Uhr“ von entscheidender Bedeutung für das Entstehen von Bewusstsein, emotionaler Verarbeitung von Sinneseindrücken und vieles andere.

Oszillationen und Hirnzellkoordination können leicht gestört werden.

Probleme der frühen Mutter-Kind-Bindung wirken sich nachteilig auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes aus. Häufige Trennung, erheblicher Stress der Mutter oder Depression oder Isolation können zu lebenslang wirkenden epigenetischen Veränderungen des Phänotyps und damit zur Krankheitsentwicklung führen.

Beziehung
Beziehungsreiche Beratung (Simbav 2015)

Umgekehrt sorgt liebevolle Versorgung in einem entscheidenden Zeitfenster nach der Geburt für eine spätere Verbesserung der Stressverarbeitung und der intellektuellen Leistungsfähigkeit.

Die Beziehung schützen

Stress, Vernachlässigung, Informationsüberflutung, Fehl- oder Mangelernährung, Umweltgifte, Feinstaub- oder Nikotin-Exposition, Geräusch-Überlastung u. v. a. können die nötige Ausreifung der sozialen Kompetenz in entscheidenden Entwicklungsphasen stören. Leichtfertige, unnötige Eingriffe in die dynamischen Zusammenhänge u. a. der Oxytocin-Wirkungen sind riskant und im Detail nicht vorhersagbar.

Und Schädigungen, die in der sensiblen Phase der Hirnentwicklung erfolgen, können sich noch Jahrzehnte später als chronische Erkrankungen bemerkbar machen.

Die Qualität der frühen Bindung hat nachhaltige Auswirkungen.

Während der Phase der frühen Bindung sollten Störungen unterbleiben.
Denn sie dauert nur wenige Stunden bis Tage und hat Auswirkungen auf die Entwicklung des ganzen folgenden Lebens.

„The nine months of intrauterine development and the first three years of postnatal life are appearing to be extremely critical for making connections among neurons and among neuronal and glial cells that will shape a lifetime of experience.” (Faa 2014).

Mehr

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Letzte Aktualisierung: 16.06.2026