Stillen & Mikrobiom

Inhalt

  • Stillen
  • Mikrobiomübertragung

letzte Überarbeitung: 29.05.2019

Stillen

Vererbung ist mehr als das Verschmelzen zweier Zellkerne

Das menschliche Genom wird  zu gleichen Anteilen vom Vater und der Mutter auf das Neugeborene vererbt. Es besteht aus 20 und 30.000 „Worten“, die im Zellkern hinterlegt sind, und von dort den Aufbau menschen-typischer Eiweiße steuern. Nach der Zeugung werden mit dem mütterlichen Eizellkörper ehemalige Kleinbakterien übertragen. Diese sogenannten Mitochondrien versorgen Körperzellen (durch Sauerstoffverbrennung) mit Energie.

Während der Schwangerschaft wirkt die Mutter weiter prägend auf das Ungeborene ein: u.a. werden bestimmte Abschnitte des Genoms durch kleine Moleküle an- oder ausgeschaltet. Dieser Prozess der so genannten Epigenetik hilft dem Kind u.a. seinen (Zucker-)Stoffwechsel frühzeitig auf (möglicherweise stressige) Umweltverhältnisse einzustellen, die es nach der Geburt erwarten.

Stillen ist eine Form biologischer (noch nicht kultur-vermittelter) Informations-Übertragung.

Unmittelbar nach einer Geburt steht beim Stillen die Nahrungsversorgung noch nicht im Vordergrund. Wesentlicher für die Anpassung des Neugeborenen an seine neue Umwelt sind die Übertragung von Immun-Erinnerungen (Antikörpern), der mütterlichen Bakterien (Mikrobiom) und die Beruhigung und Modellierung des jungen Nervensystems durch die Mutter-Kind-Bindung (Bonding).

Vom Gelingen dieser Informationsübertragung in den ersten Lebenstagen durch das Stillen, hängt die weitere Entwicklung ab, insbesondere die Regulierung der Herz-, Nerven- und Immunfunktionen.

Überblick  (Cochrane 2017, eigene Übersetzung)

„ … Stillen beeinflusst kurz-, mittel- und langfristig das Überleben, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Neugeborenen  und der Mütter.. Die Verwendung von Muttermilch-Ersatzstoffen schwächt das Immunsystem der Säuglinge und beeinträchtigt ihre kognitive Entwicklung, ihr Verhalten und ihre Appetitregulierung und erhöht das Risiko der Entwicklung von Brustkrebs, und wahrscheinlich auch von Eierstockkrebs und Typ 2 Diabetes. [1] Daraus ergeben sich umfangreiche ökonomische Konsequenzen für Gesundheitssysteme, die Familien und die Gesellschaft als Ganzes. [2,3]

Im Jahr 2003 empfahl die Weltgesundheitsorganisation, dass Säuglinge exklusiv bis zum Alter von sechs Monaten gestillt werden sollen, und das Stillen danach weiterhin ein wichtiger Teil der Säuglingsdiät bis mindestens zum Alter von zwei Jahren bleibt. Allerdings spiegeln die derzeitigen Stillraten vieler Ländern diese Empfehlung nicht wider.

Nur rund 37% der Babys unter sechs Monaten weltweit werden ausschließlich gestillt und die Raten sinken weiter, vor allem in Ländern mit mittlerem Einkommen. [1] Die Preise in vielen Ländern, mit höherem Einkommen, sind deutlich niedriger: z.B. werden in Großbritannien weniger als 1% der Babys sechs Monate voll gestillt. [4] Außerdem ist die Säuglingsernährung sozial beeinflusst und reflektiert oft Ungleichungen – z.B. weisen  vielen Ländern mit hohem Einkommen Frauen aus einkommensschwachen Gemeinden die niedrigsten Still-Raten auf. [4]

Mehrere Faktoren haben zu diesem starken Rückgang der Stillzeit beigetragen, einschließlich der weitverbreiteten Verfügbarkeit und der pro-aktiven Vermarktung von erschwinglichen Muttermilch-Ersatzstoffen [3,5,6], trotz des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilch-Ersatzstoffen (1981 und nachfolgende Entschließungen). [ 7] Die Entwicklung von kulturellen Normen bedeutet, dass Frauen oft nicht am Stillstand am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Räumen unterstützt werden. [8,9] Viele Professionelle, die im Gesundheitsbereich arbeiten, haben möglicherweise zu geringe Qualifikation um die Frauen in geeigneter Weise zu unterrichten oder zu unterstützen. Außerdem besteht eine weit verbreitete öffentliche und professionelle Akzeptanz der scheinbar Muttermilch-ähnlichen Ersatzstoffen des Stillens, trotz der Beweise für das Gegenteil. [3] Folglich stoßen viele Frauen auf Probleme, die sie nicht ohne qualifizierter Hilfe lösen können und beschließen, das Stillen zu ergänzen oder einzustellen. Das führt dann wieder zu Notfällen, und hat weitreichende Auswirkungen auf das Überleben von Kindern und (perspektivisch) der Bevölkerungsgesundheit allgemein, mit umfangreichen ökonomischen Auswirkungen für Gesundheitssysteme, Familien und die Gesellschaft als Ganzes [2,5] …“ Cochrane 2017

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Bild: Simbav, 2011

Die Vorteile des Stillens sind ausführlich belegt

… aber deshalb st,illen nicht unbedingt immer mehr Frauen. Auch noch mehr (detailliertere und bessere) Informationen werden daran nichts ändern.

Stattdessen müsste sich die gesellschaftliche Einstellung zum Stillen verändern. Insbesondere der Staat müsste erkennen, dass die frühe Lebensphase besonders schutzbedürftig ist. Denn sie bestimmt das ganze weitere Leben.

Folglich müsste (aus gesamtgesellschaftlichem Interesse) massiv in frühst-kindliche Förderungen investiert werden:

  • Hebammen-Betreuung und niedrigschwellige Familienhilfe (Beispiel)

Cochrane: Original-Text und weiterführende Links

Vererbung des Mikrobioms

Mangelnde Hygiene ist eine wichtige Ursache für Kindersterblichkeit. Aber auch zu viel Hygiene ist gefährlich.

Babys, die extrem keim-abgeschirmt aufwachsen erkranken häufig an chronischen Entzündungen von Darm und Lunge. Dagegen scheint Garten-Dreck (sofern er nur Bakterien enthält und keine Umweltgifte) Kinder vor Autoimmun-Erkrankungen zu schützen.

Eine an Mikroben reiche Umgebung ist für die gesunde Entwicklung von Kleinkinder wichtig. Weil die Erfahrungen, die das Immunsystem in frühester Kindheit macht, ihm lebenslang helfen zwischen harmlosen und gefährlichen Keimen zu unterscheiden. (Olszack 2012, 2014)

Kaum schwindet das Gewimmel natürlicher Keime durch Antibiotika, wachsen Mikroben, die mit fast-sterilen Lebensbindungen sehr gut klar-kommen. Krankheit entsteht eben nicht nur, weil zu viele feindliche Keime angreifen, sondern ebenso, wenn zu wenig freundliche Mikroben auf unseren Körperoberflächen leben.

Lebensnotwendige, nützliche und harmlose Mikroben

Zu einem Menschen gehören etwa zehnmal so viele Bakterien wie Körperzellen. Ein Großteil unserer Erbmasse im Zellkern ist viralen Ursprungs. Ein bedeutender Teil der Information, die benötigt wird, um die Eiweißbestandteile des menschlichen Organismus herzustellen, befindet sich außerhalb der Körperoberflächen: überwiegend im Dickdarm und auf der Haut. Dieser Anteil der für uns lebensnotwendigen Informationsfülle wird als Mikrobiom bezeichnet. Menschen können, wie alle hoch-entwickelten Lebensformen, als Superorganismen bezeichnet werden: Sie bestehen aus einer Vielzahl spezialisierter Zellen und aus den exakt dazu passenden Bakterienkolonien. Alle an einem Lebewesen beteiligten, unterschiedlichen Lebensformen tauschen sich intensiv untereinander aus und wechselwirken miteinander. Zell- und Körperoberflächen gleichen daher mittelalterlichen Stadtmauern, deren Tore in Friedenszeiten für den Handel auf wimmelnden Marktplätzen weit offenstehen, die aber bei einer Bedrohung auch sicher abgeschottet werden können.

Besonders reichhaltig ist die Bakterienflora von Menschen, die bisher noch nicht mit zivilisatorischen Errungenschaften in Kontakt gekommen sind, wie z.B. Seife, Fast-Food, Putzmittel oder Antibiotika.

Auch in den Körperzellen leben hoch-angepasste Bakterien, so genannte Mitochondrien, die vor langer Zeit einmal selbständig waren. Mitochondrien besitzen ihre eigene DNA-Erbinformation., Sie werden mit der mütterlichen Eizelle auf die nächste Generation übertragen, und dienen den Zellen als Sauerstoff-verarbeitende Energie-Lieferanten. Offenbar gibt es also auch „gelungene“ Infektionen, die böse und kriegerisch beginnen und in friedlicher Zusammenarbeit enden.

Aus noch unerforschten Gründen wimmeln im menschlichen Darm wesentlich mehr Darmmikroorganismen als bei anderen Säugetieren. Dieses für unser Mensch-sein typische Kleingetier hat sich über Jahrmillionen gemeinsam mit den menschlichen Zellen entwickelt und wird während und kurz nach der Geburt über die Mutter auf das Kind vererbt. Im Laufe des Lebens entsteht daraus ein einzigartiges, relativ stabiles Bakterien- und Virengemisch, das einen Menschen wesentlich genauer kennzeichnet als sein Fingerabdruck. (Rajjilić-Stojanović 2013).

Das wenige, dass wir bisher über das Ökosystem in uns erahnen, verändert das medizinische Weltbild. Die vertraute Theorie, nach der Krankheit deshalb entstehe, weil kleine, unsichtbare Feinde in uns eindringen und uns angreifen (Keime oder Krebszellen), trifft nur noch auf einen kleinen Anteil der Störungen komplexer Lebensprozesse zu.

Krankheiten entstehen ebenso, wenn die Zellen des Immunsystems fehl-reagieren, wenn die Art der Wechselwirkungen Zellen und Bakterien ungünstig verändert, oder wenn die Besiedlung mit körpereigenen Bakterien (z.B. durch zu viele Antibiotika) beseitigt wurde, zum Beispiel durch zu viele Antibiotika (Wittkin 2015). Krankheit ist also nicht unbedingt die Folge eines Krieges, sondern wesentlich öfter das Ergebnis eines aus vielen Gründen gestörten friedlichen Zusammenlebens. Die Lösung der Gesundheitsprobleme liegt folglich nicht zwangsläufig in der Vernichtung eines Gegners, sondern eher in erfolgreich geführten Friedens-verhandlungen, die eine neue Phase harmonischen Wachstums einleiten.

Die uns so vertraute Keim-Theorie, die Robert Koch in seinen Postulaten zusammenfasste, ist zunehmend untauglich, um die komplexen Systemzusammenhänge lebender Ökosystem zu beschreiben. Die Bandbreite von sicher-bösen, halb-bösen, halb-guten und guten Keimen scheint grenzenlos zu sein, und alle bisher gezogenen Trennlinien in der Welt der Zellen und Mikroben zerfließen. Selbst die Idee, dass das Immunsystem „“gestärkt” werden müsse, um seine Gegner besser bekämpfen zu können, ist mittlerweile veraltet. Es scheint für Gesundheit wesentlich wichtiger zu sein, das Immunsystem zu beruhigen oder sanft zu dämpfen, damit es abgewogen, ruhig, intelligent und effektiv handeln kann, und nicht überzogen, sinnlos-aggressiv, panisch oder „“verrückt” reagiert. Besonders während der Schwangerschaft ist das von großer Bedeutung (.

Bakterien-Austausch zwischen Mutter und Kind

In der Scheide schwangerer Frauen wird eine „Verimpfung“ oder „Transplantation“ der für das Kind wesentlichen Bakterien vorbereitet . Eine weitere Übertragung natürlicher Keime, überwiegend aus dem Darm, erfolgt nach der Geburt über die Muttermilch, die mehr als 700 Bakterien-Spezies enthält. (Fernándeza 2012, Jeurink 2012). Die Bakterien werden über Makrophagen transportiert, zuerst in der Lymphe und dann ins Blut.

Offenbar verfügt nahezu jedes Körperorgan, das Gehirn vielleicht ausgenommen, über eine charakteristische Keimbesiedlung. Die Anwesenheit bestimmter Bakterien im Körper scheint also physiologisch sein. Veränderungen der Immunreaktion, beispielsweise durch Stress, können, z.B. etwa bei der Besiedlung der laktierenden Brust, zu Störungen führen (zu so genannten Dysbiosen). Eine Brustentzündung oder eine Amnioninfektion müssen muss also nicht zwangsläufig mit der Besiedlung externer pathogener Keime assoziiert sein. Gesundheit wird daher zunehmend als eine dynamisch-elastische Balance zwischen regulierenden und aktivierenden Immun-Zellen beschrieben, in einem ausgewogenen Ökosystem von Bakterien, Viren und nicht-lebenden Umweltfaktoren . Tauchen zu viele Feinde auf, die Aktivität herausfordern, oder verschwinden zu viele mikrobielle Freunde, werden wir krank .

Babys werden trotz ihres winzigen Plazenta-Mikrobioms aus einer weitgehend keimfreien in eine Welt voller wimmelnder Mikrolebewesen und Viren geboren. Dort müssen sie sehr schnell lernen, unverzichtbare Schlüssel-Organismen von Parasiten oder Angreifern zu unterscheiden. Für diese lebensnotwendigen Lernprozesse besteht ein kritisches Fenster der Entwicklung der Kommunikation zwischen Zellen und Bakterien (Blaser 2013). Wird diese Reifungsphase gestört, zum .Beispiel. durch lang-dauernde niedrig dosierte Antibiotikagaben, können langfristige Veränderungen des (Fett- und Kohlehydrat)-Stoffwechsels, der Immunfunktion und der mikrobiellen Besiedlung des Darmes entstehen. Und diese Effekte können es begünstigen, dass im späteren Leben fettreiche Nahrung zu Adipositas führt.

Das für das Neugeborene essentielle Mikrobiom kann von der Mutter auf sehr unterschiedliche Weise an das Kind „verimpft“ werden: über die Eizelle, die Vagina, die Muttermilch (und in sehr geringem Umfang möglicherweise auch über die Plazenta). Diese sensiblen Übertragungsprozesse können durch äußere Faktoren leicht gestört werden, z.B. durch zu viele pathogene oder zu wenig physiologische Keime und durch ungünstige innere Zusammenhänge, wie Stoffwechselstörungen, Stress oder andere Dysfunktionen. Ein negativer Einfluss muss nicht unmittelbar nach der Geburt zu Erkrankungen führen, kann aber eine Schwächung der Anpassungsfähigkeit des Kindes bewirken, und damit im Erwachsenenleben die Entstehung von Krankheit begünstigen. …

Ausführlicher Artikel und Literatur

Letzte Aktualisierung: 15.06.2019