Aktuelle Beziehungen

Inhalt

  • Westliche und östliche Sicht
  • Protestantismus und Aufstieg des Kapitals
  • Geht der Westen unter?
  • Gewaltfreiheit in Afghanistan?

Westliche und östliche Sicht

Die Kulturen im Osten und im Westen sind eng verwoben.

Und doch unterscheiden sie sich:

Im Westen: Den Körper studieren, indem man ihn zerlegt.

Andreas Vesalius (1514-1564). Der Mensch besteht aus Einzelteilen. Ist deren Summe ein Mensch? Bild: Wiki Commons

Die Benennung der betrachteten Einzelteile verschafft Klarheit, denn das eine (z.B. ein Muskel) kann so von anderem  (Faszien, Blutgefäßen, Nerven, Knochen) abgelöst werden. Allerdings geht dabei zwangsläufig der Funktionszusammenhang verloren. Aber SpezialistInnen (des Gehirns, der Knochen, der Leber oder der Immunzellen) können natürlich bei lebenden Personen, das reparieren, was sie (oder ihrer Lehrer) zuvor am totem Gewebe ausprobiert hatten.

Damit Probleme gelöst oder beseitigt werden, müssen die ExpertInnen mit einer Diagnose das Normale von dem Krankhaften trennen. Ein Kunstgriff, der mit einem Widerspruch verbunden ist, der kaum beachtet wird: ein Mensch, der untersucht wird, lebt, Präparate von Krebszellen, Laborwerte, Röntgenbilder, dagegen sind starr und tot. Die Diagnose gründet sich auf toten Erkenntnissen, von denen man annimmt, dass sie nützlich sind bei Interventionen in komplexe, lebende, dynamisch-unvorhersehbare Zusammenhänge.

Aus der sicheren Diagnose folgt die richtige Behandlung, die auf Wahrheit, Evidenz, Messbarkeit beruht. Dabei stehen die sezifischen, punktgenauen, problemfokussierten Wirkungen im Vordergrund. Die westliche Medizin des 20. Jahrhunderts ist daher eher den Gedankengängen der Newtons verwandt, der mit seiner Physik Ursache-Wirkungsbezüge analysierte.

In der Realität aber gibt es keine Muskeln, Nerven, Gefäße, Faszien oder Knochen sondern ungetrennt lebenden Elemente, die miteinander zu Funktionseinheiten verwoben sind: Jede Zelle ist z.B. von feinen Fibrillen durchwebt, die über Kontaktstellen zu Nachbarzellen führen. Und alle Zellen sind mit allen anderen in einem gigantischen Informations- und Bewegungs-system verbunden. Bewegungsapparat, Gehirn, Darmbakterien, Stoffwechsel sind durch zahllose Rückkopplungen miteinander verschaltet und schwingen sich aufeinander ein. Körperzellen und das Gewimmel der sie umgebenden Bakterien kommunizieren miteinander nicht wie Sender und Empfänger, sondern in Überlagerungen quanten-physikalischer Wellen.

Im Osten: Beziehungen und Zusammenhänge wahrnehmen.

Neijing Tu: Die Karte des inneren Glanzes (in Stein gemeißelt von Liu Cheng-yin 1886). Ein anschauliches Modell der Wirkzusammenhänge und Rückkopplungen physiologischer und psychologischer Körperstrukturen.

Während die europäischen Anatomen in der Renaissance Leichen zerschnitten, versuchte man in China, Leben als ein Wirksystem von Psyche, Körper und umgebender Umwelt zu betrachten: Beziehungen, Austausch, Selbstorganisation und Veränderungsdynamikstanden dort im Zentrum des Interesses.

Erklärungsmodelle waren eher Symbole einer in ihrer Komplexität nicht erfassbaren Realität. Dieser Ansatz entspricht eher der quantenphysikalischen Auffassung eines „modellabhängigen Realismus“ (Hawkins), bei dem entweder ein Teilchen oder eine Welle angenommen wird, um in einen Experiment so zu tun, als gäbe es dieses, oder beides: Welle und Teilchen.

Für den Philosophen Konfuzius waren vor 2.500 Jahren die spezifischen Wirkungen zu offensichtlich und daher uninteressant. Es lohne nicht zu fragen, warum Fleisch nahrhaft sei, da es eben so sei. Ihn interessierten dagegen die „nicht-spezifischen“ Wirkkräfte, die das ganze System betreffen, und die z.B. durch den Vollzug eines Rituals freigesetzt werden. Er wollte auf die durch Ritaule beruhigend auf die Psyche der Menschen wirken. Dafür sei es notwendig, dass sowohl der Betroffene und der segnende „Opferpriester“ an die Wirksamkeit des Rituals glaubten. Es sei aber nicht nötig, fest daran zu glauben, dass es z.B. „Geister“ (personifizierte unspezifische Wirkkräfte) tatsächlich gäbe. Wichtig sei nur, dass man so handeln solle, „als ob“ es sie gäbe (Littlejohn 2007).

Das Lebende musste an nicht zerstückelten Objekten studiert werden, und das Wahrnehmbare konnte nur ein Teil weit größerer Wirk-Zusammenhänge sein.

Für die östliche Betrachtung der Welt war ein Einzelfaktor, eine Zelle, ein Organ so bedeutungslos wie eine gewöhnliche Person in einem großen Staatswesen. Wichtig war nur, wie etwas reibungslos in einem größeren Ganzen gesund miteinander zusammenarbeiten konnte. Man stellte sich den Menschen ähnlich wie ein bäuerliches Reich vor, das blüht und gedeiht, weil es vor Kriegen, Armut, Hunger und sozialen Wirren bewahrt wird. Eine Skizze dieser Philosophie, die vermied etwas von etwas anderem zu trennen, ist das Neijing Tu:

Der Versuch einer symbolischen Repräsentation des menschlichen Körpers und geistiger Kräfte, die im Inneren und Äußeren wirken. Möglicherweise stammt es aus dem 15. Jahrhundert, oder es ist ggf. noch älter. Das uns heute erhaltene Bild wurde 1886 im Tempel der Weißen Wolke in Peking in Stein gemeißelt.

Das Neijing Tu versucht holzschnittartig ein lebendes Systeme zu beschreiben, das sich ständig umbaut, anpasst und selbst erneuert. Dabei geht es weniger um eine „westliche“ Wahrheitssuche, wie es „tatsächlich“ ist. Vielmehr wird Nützlichkeit angestrebt, um durch Symbole Hinweise zu geben, wie die Fluss -und Veränderungsdynamik im Menschen durch Übungen und punktuelle Anregungen günstig beeinflusst werden könne. Bei der Betrachtungsweise des Neijing Tu gleichen Störungen nicht unveränderlichen Problemen, sondern Blockaden die Funktionsabläufe behindern, die in einem Gesamtorganismus eingebettet sind.

Diese Vorstellungen teilten auch antiken griechischen Gesundheits-Philosophen, die ebenfalls eher an dem Erhalt gesunden Lebens interessiert waren, als an der Reparatur von Problemen.

West und Ost sind sich also oft weniger fremd, als es den Anschein hat.

Chang Ta-cien: Der Lärm von sieben Weisen und sehs Gelehrten ist nicht nötig, den Bambus sprießen zu lassen. Ed. Holz Leipzig 1975. Foto: Jäger

Literatur

  • Hawkins S, Mlodinow L: Der große Entwurf, rororo 2011
  • Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32
  • Tripp E: Wie funktioniert die Akupunktur? Shiatsu Newsletter 153, 01.02.2009
  • Tripp E: Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur, Shiatsu-austria, Magazin, 105
  • Unschuld P: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. Beck. 2003
  • Unschuld P: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine: A Chinese View from the Eighteenth Century, Paradigm Publications, 1998

Protestantismus und Aufstieg des Kapitals

Am 31.10.1517 schlug Martin Luther (1483-1546) seine fünfundneunzig Thesen an die Kirchentür von Wittenberg. Damit soll die Reformation begonnen haben.

Einhundert Jahre zuvor hatte der Rektor der Universität Prag, Jan Hus (1370-1415) gegen den sittlichen Verfall der Kirche gewettert und eine strenge, tugendhafte Lebenslehre gepredigt. Dafür landete er auf dem Scheiterhaufen. Im Gegensatz zu Luther war es ihm nicht gelungen, gesellschaftlich Mächtige für seine fromme Askese zu interessieren. Seine Zeit war dafür noch nicht reif.

Vergessen wird häufig auch Thomas Müntzer (1489-1525). Er predigte bereits vor Luther gegen den Ablasshandel, und galt  bald als der radikale Motor der Reformation. So wurde er für alle Fraktionen des Adels und des Bürgertums gefährlich. Als die ursprünglich kirchliche Reformbewegung zu einer gesellschaftlichen Revolution ausartete, sah Thomas Müntzer in den aufständischen Bauern Werkzeuge Gottes, die eine Veränderung der Welt herbeiführen sollten. Luther dagegen strebte nach einem Einvernehmen mit reformierten Adeligen und Bürgern. Deshalb, so forderte er, solle man

die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern … zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

So geschah es dann auch: Thomas Müntzer, der Sozialrevolutionär, wurde hingerichtet.

Plünderung des Klosters Weißenau um 1525

Der deutscher Bauernkrieg („Die Revolution des gemeinen Mannes“, „Die frühe bürgerliche Revolution“) erwies sich als ein Trauma mit sehr weitreichenden Folgen. U.a. liegt der damals geraubte Grund und Boden bis heute in den Händen der Familien, deren Vorfahren damals so plünderten und mordeten wie Georg der Bauernjörg.

Möglicherweise nahm das Obrigkeitsdenken, für das die Deutschen berühmt sind, in dieser Tragödie seinen Ausgang. Der brave deutsche Michel unterscheidet sich jedenfalls deutlich von der jubelnden, französischen Marianne, deren Revolution anderthalb Jahrhunderte später siegreich verlief.

Martin Luther schlug sich damals auf die Seite der Sieger:

Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523)

Die von ihm geprägte Reformation konnte sich so auch ökonomisch ausgesprochen erfolgreich entwickeln:

Max Weber (1905) : „Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus.“ – Zusammenfassung

Die alte Feudalherrschaft, und die mit ihr verbundene katholische Kirche standen der unbegrenzten Produktion und dem freien Austausch von Waren und Arbeitsleistungen im Wege. In der neuen sittlichen Ordnung war es für das Seelenheil nicht mehr nötig, besondere Gott gefällige Werke zu erschaffen. Denn es reichte völlig aus, Tag für Tag das zu tun, was getan werden musste. Und das streng, fleißig, freudlos und ohne sündige Gedanken, denn vergeben wurde nichts mehr.

Wer Reichtümer erwirbt, wird von Gott geliebt.

Es war diese protestantische Ethik radikaler Auswanderer (Puritanismus), die den Aufstieg der USA zur Weltmacht beförderte. Und nun kriselt das Wertesystem angesichts deutlicher Verfallserscheinungen.

Das erklärte den rauen Ton im Lagerwahlkampf um die Präsidentschaft der USA. Allerdings verband die erbitterten Gegner Hillary Clinton und Donald Trump einiges. Beide wurden auf der Grundlage der gleichen Ethik reich und mächtig. Natürlich wollte auch Hillary Clinton, dass „Amerika wieder groß wird.“ Beide strebten nach mehr Wachstum, mehr Gewinnen, mehr Erfolgen, mehr Macht und großartigeren Bilanzen. Und beiden wurde zur Durchsetzung ihrer unterschiedlichen Strategien alles zugetraut. Ökonomisch waren sie ähnlich erfolgreich. Moralisch aber erschienen sie leer: Denn beiden war das Wertesystem, in dem sie aufwuchsen, und das sie vorzugaukeln versuchen, abhanden gekommen.

Die Krisen des Kapitals und der protestantischen Ethik

Die Enkel protestantisch „Reiner“ (engl. puritans), die sich einmal für besonders moralisch hielten, stehen heute für eine entfesselte Raubtier-Mentalität:

Tea Party Patriots : Our visons: Personal Freedom, Economic Freedom …

Ihr Sieg wird einigen Reichen dazu verhelfen noch reicher zu werden: auf Kosten anderer. Die absehbaren Umweltschäden werden das Anthropozän (das Zeitalter des Menschen) noch etwas näher in Richtung Abgrund rutschen lassen.

Dagegen gehen von dem Gegner des Protestantismus , der „papistischen“ Ideologie zarte Signale aus, die zu nachhaltigen und sozial-verträglichen Entwicklungen führen könnten, zu weniger Wachstum, weniger Erfolgen, weniger Gier und weniger Gewinnen:

Laudato si‘  Papst Franziskus. 24.05.2015

Letzte Aktualisierung: 27.11.2019