Wahnsinn und Macht

… die Liebe zur Macht ist der Dämon des Menschen. Nietzsche

Trance-artiges Irre-sein wird durch Stress ausgelöst

Es ist ein Notfallprogramm. Aktiviert wird es in dramatischen Situationen, wenn rationales Denken, empathisches Fühlen oder friedliches Miteinander-reden wirkungslos zu sein scheinen. Dann hilft nur noch „Alles oder Nichts“: entweder der unausweichliche Selbstmord oder ein (unwahrscheinlicher) Sieg.

So spülen ausweglose Krisen immer wieder „durchgeknallte Exzentriker“ an die Macht, die sich dann für Gott halten.

Napoleon Jupiter
Dominique Ingres, Napoleon, 1806. Comte de Caylus (1752–67): Jupiter

Wenn „Psychotiker“ in ihrer Raserei riesige Reiche zerstören und damit die Grundlage für neue Machtstrukturen legen, wie Alexander, Qin Shihuangdi, oder Dschingis Khan, erhalten sie den Beinamen „der Große“.

Lässt man gestörte Persönlichkeiten (Hitler oder Napoleon) nur lange genug wirken, ziehen sie ihre eignen und viele andere „Untertanen“ in bodenlose Abgründe:

Minard
Graphische Darstellung des Russland-Abenteuers 1812-1813 durch Charles Joseph Minard: Die Mannschaftsstärke der „großen Armee“ Napoleons in Richtung Moskau (braun von links nach rechts, etwa 400.000) und von Moskau zurück (schwarze Linie, zuletzt ~10.000). Bild: Wikipedia

Ist der drohende Atomkrieg zwischen Nord-Korea und den USA ein psychologisches Phänomen?

Sicher nicht, denn die gegenseitig kriegstreibende Dynamik wird durch raubtierartige Industrie- und Militärinteressen bestimmt. Allerdings befinden sich auf beiden Seiten die jeweiligen „roten Knöpfe“ in der Reichweite kranker Persönlichkeiten, die für rationale oder fühlend-empathische Hirnprogramme wenig zugänglich sind.

Narzissmus und Macht
Wirth H.J.: Narzissmus und Macht, Psychosozial-Verlag 2011, ISBN 3-89806-044-6

Was in solchen psychisch labilen Macht-Menschen vorgeht, wurde von dem Psychologen und Psychotherapeuten Hans-Jürgen Wirth sehr detailgenau untersucht und beschrieben: Sie sind in ihrem Wesen schwach, und gerade deshalb hoch-aggressiv. Gäbe es eine Möglichkeit, ihnen so viel Sicherheit zu bieten, dass sie es wagen könnten, mehr „zu sich zu kommen“, würden sie vielleicht friedlicher werden, weil sie sich mehr um ihre eigentlichen Bedürfnisse kümmern könnten.

Der gefährlich-lustige Kim und der krokodilartige Donald werden sich aber sicher nicht in Verhaltenstherapien begeben. Vermutlich empfinden sie sich nicht als krank, sondern eher als gott-ähnlich.

Trance beruhigen

Menschen in Trance sind weder für rationale Argumente, noch für Gefühle, noch für übergeordnete Gesetze zugänglich. „Gegen“ Trance vorzugehen, ist (sofern man den anderen nicht erschlagen will) das Dümmste, was man tun kann, weil es den Stress verstärkt, der Trance auslöst. Der rational-argumentierende, amerikanische Außenminister Tillerson irrt also, wenn er zu erklären versucht, dass sich Wahnsinnige gegenseitig anschreien müssten, damit sie sich besser verstehen. (NPR, 09.08.2017)

Wirksamer wäre es, labile Persönlichkeiten zu beruhigen. Dazu müsste man ihnen zweierlei signalisieren: dass sie weiterhin in ihrem jeweiligen Bereich die „Größten“ bleiben dürften, und sich gerade in relativer Sicherheit befänden.

Es ist bei einem therapeutisch-wirksamen Verhalten angesichts von Wahnvorstellungen nicht nötig, auf die jeweiligem Wahngebäude einzugehen. Es reicht meist völlig aus, die irren Lebenswelten freundlich-distanziert so anzunehmen, wie sie eben sind. Dann kann man beginnen, miteinander (in Sicherheit) Tee zu trinken. Und so entstehen später Räume, in denen man ohne Trance (mit Gefühlen oder mit Rationalität) kommunizieren kann.

Was tun, wenn der Schwachsinn regiert? 

Viele, die klar denken und sich trauen, die Realität anzuschauen, ohne sich abzulenken, fühlen sich angesichts sinnloser Gier, Wahn, Zerstörung und Krieg wütend oder traurig. Und zugleich schwach und hilflos. Sie wissen nicht, wie sie handeln könnten.

So wie ich, oder der chinesische Philosoph Zhuangzi vor 2.300 Jahren:

… wenn die ganze Welt auf dem falschen Weg ist, … was soll ich tun?
Wenn es mir nicht gelingen kann … ist es besser, aufzugeben …
Aber wenn ich es nicht versuche, wer dann?

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Trance

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Artikel: H. Jäger

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