Oasen bei Krankheit

Heilung ist ein friedlicher Prozess

Medizin aber ist bestimmt durch moderne Kriegsführung gegen Viren, Krebs, Bakterien oder gegen Probleme, Störungen oder Unpässlichkeiten. Diese Bekämpfung von Krankheit erfordert eine Architektur, in der optimale Ablaufprozesse des Patienten-Management Kosten- und Zeit einsparen, ohne die Erreichung kurzfristiger Ziele zu gefährden.

Friedliches Ökosystem. Bild: Jäger 2018

Manche Krankenhaus-Neubauten ähneln Fabriken

Dort werden dringende Reparatureingriffe erledigt und die Patient*innen effizient im Rahmen des „patient-processing“ durchgeschleust. Die eigentliche Genesung soll nach der „zeitnahen“ Entlassung, „irgendwo da draußen“ im ambulanten Bereich stattfinden.

Angesichts baulicher Wucht erwarten die PatientInnen dort technisch-hochpräzise handelnde Expert*innen, die mit modernsten Algorithmen komplizierte Reparaturaufgaben erledigen.

Dort werden dringende Reparatureingriffe erledigt und die Patient*innen effizient im Rahmen des „patient-processing“ durchgeschleust. Die eigentliche Genesung soll nach der „zeitnahen“ Entlassung, „irgendwo da draußen“ im ambulanten Bereich stattfinden.

Angesichts der baulicher Wucht erwarten die PatientInnen dort technisch-hochpräzise handelnde Expert*innen, die mit modernsten Algorithmen komplizierte Reparaturaufgaben erledigen.

Aber es fehlt dort oft an Räumen und Orten, die heilende Prozesse begünstigen könnten. Obwohl die Auswirkungen lichtdurchfluteter Raumgestaltung seit vielen Jahren bekannt ist:

Tagung 1982 in Walsrode zu lichtdurchflutetem Bauen

Heilungsförderndes Bauen

Einer Gruppe von Designer*innen und Architekt*innen in England gelang es erstaunlicherweise trotzdem friedvolle, lichtdurchflutete, ruhige Orte für Krebspatient*innen zu gestalten.

Seit dem Bau eines ersten Modellprojektes entstehen in Großbritannien immer mehr dieser „Oasen für Menschen mit Krebs„. Und es wuchsen auch Ableger außerhalb der Insel: in Barcelona und in Hongkong.

Tulpenholz-Box: Krebszentrum in Oldham. Zeitschrift DETAIL 12/2017 Video

 Architektur der Hoffnung

Die in England erfolgreiche Oasen-Bewegung, hat sich das Ziel gesetzt durch einfühlsame Raumgestaltung Heilungsprozesse zu begünstigen – unabhängig von Bekämpfungsstrategien.

„Maggie Keswick Jencks war siebenundvierzig Jahre alt, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde. Fünf Jahre später bekam sie starke Rückenschmerzen, die zunächst für Störungen des Bewegungsapparates gehalten wurden. Bis ihr ein Arzt mitteilte, dass sich der Krebs vermutlich auf ihre Knochen, Leber und Knochenmark verbreitet hätte. Daraufhin wurde sie in eine Spezialklinik in Edinburgh überwiesen. Dort musste sie in einem „schrecklichen, kalten *innenraum mit Neonbeleuchtung“ warten, bis eine Krankenschwester sie aufforderte mit Ihrem Ehemann in den Behandlungsraum zu kommen. Sie fragte dort sehr direkt:  „Wie lange haben wir?“ Darauf der Arzt: „Wollen Sie das wirklich wissen?“ – „Ja, wir wollen es wirklich wissen.“ – „Zwei bis drei Monate.“ – „Oh…!“ Und dann unterbrach die Krankenschwester: „Es tut mir sehr leid, Dear, aber wir müssen dich in den Korridor verlegen. Es warten so viele andere.“ Sie fand sich in einem fensterlosen Korridor wieder, und versuchte mit der Vorstellung umzugehen, nur noch zwei bis drei Monaten zu leben. Zufällig kamen Bekannte vorbei, die fröhlich fragten:“ Na Kleine, wie geht‘s?“ Ihr gelang ein verkrampftes Lachen: „Gut geht’s mir!“ (Guardian 11.02.2011)

Mit diesem Horrorerlebnis begann die Erfolgs-Geschichte der Maggie’s-Cancer-Centres (in England, Spanien und Hongkong).

Maggie Keswick Jencks hatte erkannt, dass es für sie keine Heilung geben konnte. Sie hatte ihre Krankheit angenommen.

Sie spürte noch Leben in sich.

Mit dieser Energie wollte sie etwas Sinnvolles tun. Sie hatte erlebt, dass nicht nur sie, sondern viele andere Menschen angesichts lebensbedrohlicher Erkrankungen in schreckliche, krankheits-verstärkende Umgebungen gezwungen wurden. Und dass für sie nur wenig Zeit bleibt „zu sich zu kommen“, und das eigene Leben wieder selbstbestimmt zu gestalten.

Gerade diese Menschen, die eine lebensbedrohende Diagnose erfahren, brauchten dringend:

„Respekt, Zeit und Raum.“ (Zitat: Maggie Keswick Jencks).

Bis zu ihrem Tod (1995) arbeitete Maggie mit einer jungen Krankenschwester an der Gestaltung von Krebsbetreuungszentren. Sie (Designerin) und ihr Mann (Architekt) realisierten Oasen: Ruhe- und Schutzräume, die allein durch die Schönheit ihrer äußeren Gestalt und durch die liebevollen Details ihrer *innenausstattung heilsam wirken sollten.

Die Maggies-Center entstanden in der Nähe von Krebsbehandlungszentren, sind aber von diesen organisatorisch und inhaltlich unabhängig.

Die Hemmschwelle ein Maggies-Center zu betreten ist sehr niedrig. Betroffene sind immer willkommen, für einen ersten Kontakt, für einen Tee oder ein Gespräch. Die Angebote, die den Raum füllen, helfen zu entspannen und zu akzeptieren, und sie unterstützen den Aufbau von neuem Selbstwertgefühl. Der ganze Mensch mit allen seinen geistigen, körperlichen und sozialen Aspekten steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Damit Harmonie entstehen kann, und die Zahl der Möglichkeiten für günstige Entwicklungen zunimmt.

Der Kampf gegen einen Feind (den Krebs) bleibt Aufgabe der Behandlungszentren. Bei Maggies beruhigt sich das Kämpfen, und ein Frieden (mit sich und dem Schicksal) erhält eine kleine Chance.

In den vergleichbaren Projekten anderer Länder stehen dagegen die kämpferischen Aspekte im Vordergrund. Hier gilt es wieder fit zu werden um den inneren Feind besiegen zu können.

Maggie’s Idee widerspricht diesem kriegerisch (männlichen) Krankheitsverständnis nicht.

Sondern sie ergänzt das (manchmal und oft) notwendige Kämpfen durch eine versöhnende (weibliche) Perspektive, die zu Ruhe führt, zu Lebenskraft und zu neuen Perspektiven (trotz Krankheit).

Die Maggie’s-Zentren regen an, etwas anzunehmen wie es ist, etwas Unbekanntes zu entdecken, etwas auszuprobieren, es zu entwickeln, es zu gestalten und es selbstbestimmt und kreativ mit Sinn zu erfüllen.

Maggie Keswick Jencks lebte und wirkte, nachdem man ihren einen nahen Tod angekündigt hatte, noch sieben fruchtbare Jahre.

Maggie’s – Centres

Literatur

Letzte Aktualisierung: 28.06.2019