Allmacht der Algorithmen?

 70 % der Finanztransaktionen werden durch Algorithmen abgewickelt … Super-Computer werden menschliche Fähigkeiten  zwischen 2020 und 2060 in fast allen Bereichen übertreffen…“ Helbing u.a. 2015

HAL 9000
HAL: 2001 – Odyssee im Weltraum, Kubrick 1968 (Bild Wiki)

Ich hasse Algorithmen …

Wenn sie unaufgefordert in meinem Leben herum-fummeln und mich stören. Wenn irgendein Programm mich dazu zwingt, meinen Gedanken- oder meinen Handlungsfluss zu unterbrechen, weil ein „super-wichtiges Update“ geladen oder ein nicht angefordertes „Check-up“ durchgeführt werden muss. Besonders ärgerlich empfinde ich dann „hirn-lose“ Hinweise, deren „menschlich-persönliche“ Wortwahl mir anzeigen sollen, dass es eine Person sei, die da für mich denke, und der ich jetzt folgen müsse, weil sie es gut mit mir meine: „Bla-bla erledigt gerade etwas für Sie!“.

Und ich liebe Algorithmen …

wenn alles, was ich benutze, wunderbar funktioniert, und mir die Rechen-Logik dahinter vollkommen verborgen bleibt. Wenn mir zum Beispiel das Page-Ranking der Suchmaschine erstaunlich gute Treffer anzeigt, die Verkehrsführung in der Rush-Hour die Fahrzeugkolonnen fließend aus der Stadt führt, oder eine S-Bahn genau dann in den Bahnhof einfährt, wenn ich sie erwarte.

Natürlich ist es absurd, Algorithmen zu lieben oder zu hassen:

Sie wissen nichts, denken nicht und fühlen schon gar nichts. Sie sind nichts weiter als standardisierte Rechen-Strategien, die „Schritt für Schritt“ Probleme lösen (Stiller 2015).

Algorithmen sind Anweisungen für Rechner, die unendlich große Daten-Haufen durchstöbern, um die wenigen wertvollen Perlen zu finden. Sie werden immer leistungsfähiger. Bald wird es gelingen, einzelne Atome „rechnen zu lassen“. Solche „Quanten-Computer“ wären nicht nur schneller als herkömmliche PC, sondern könnten (über „0 / 1“ hinaus), auch mit Superpositionen rechnen („entweder 0 oder 1“).

Im Hantieren mit riesigen Datenbanken sind Computer unschlagbar: Menschen ermüden schon, wenn sie nur ein paar tausend Daten-Paare miteinander vergleichen sollen. Computer dagegen überprüfen mühelos mehrere Milliarden davon. Sie können, schneller als alle bekannten Lebewesen, Informationen, die in der Vergangenheit aufgezeichnet wurden, ordnen, analysieren und daraus zuvor fest-einprogrammierte Rückschlüsse ziehen.

„Deep Learning“ und „Deep Mind“

Manche Hochleistungsrechner analysieren zeitgleich unterschiedliche „Daten-Ebenen“, und bilden in diesen so genannten „Neuronalen Netzen“ neue Lösungs-Muster. Einer Gesichts-Erkennungs-Software müssen z.B. Merkmale der menschlichen Anatomie einprogrammiert werden, und davon unabhängig solche, die nur bei bestimmten Gefühlen abgebildet werden, und solche, die für Frauen und Männer typisch sind, oder für Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. Dieser Prozess, bei dem der Rechner einzelne Informations-Schichten durchkämmt und Einzelfakten zu einem neuen Muster zusammenfügt, wird (missverständlich) als „Deep Learning“ bezeichnet („Tiefes Lernen“).

Ein vernetzt rechnender und scheinbar „lernender“ Algorithmus dieser Art (AlphaGo) konnte 2016 in Seoul, in vier von fünf Spielen, den Go-Großmeister Lee Sedol besiegen. Das Unternehmen, das ihn programmiert hat, nennt sich „Deep Mind“ („Tiefes Bewusstsein“), verrät aber nicht, was der gut klingende Begriff konkret bedeuten soll, und ob Intelligenz das ausmacht, was diese „autistische Rechenmaschine“ kann.

Deep Mind: Solve intelligence – use it to make the world a better place.

Immerhin, AlphaGo ist für die Hersteller von Algorithmen ein mächtiger Sprung nach vorn. Zwar war es schon 1997 gelungen, den Schachweltmeister Gari Kasparow mit einem Algorithmus zu entthronen. Dazu hatte man dem Rechner „Deep Blue“ alle bekannten Weltmeister-Partien eingepeichert. Bei Schach bestehen pro Spielzug aber „nur“ etwas mehr als 30 Möglichkeiten pro Zug, und das Spiel dauert „nur“ etwa 80 Züge. Bei dem Go-Spiel sind es 250 Alternativen pro Zug und 150 Spielzüge. AlphaGo musste also mit weitaus mehr Daten gefüttert werden: mit über hundert Millionen großartiger Go-Partien. Zusätzlich führte AlphaGo „tiefe Datenbank-Analysen“ durch, bei denen Milliarden von Bits von „sich selbst optimierenden“ Algorithmen durchforstet wurden.

Trotzdem rechnen DeepMind und AlphaGo völlig anders, als Kasparow oder Sedol denken. Umgekehrt kann das, was Menschen mit ihrer Einheit aus Körper und Gehirn anstellen, nicht algorithmisch abgebildet werden. Die Maschinen sind also erfolgreich, aber auf eine völlig andere Art als es Menschen wären (Merö 2002).

„ It’s impressive that a human can use a much smaller quantity of data to pick up a pattern. Probably humans are much faster learners than computers.“ Gary Marcus, Neurowissenschaftler bei AlphaGo-DeepMind, Nature, 17.03.2016

Die Befreiung der Menschheit durch die Algorithmen

Menschen werden durch die Innovationen der Algorithmen zunehmend von Alltagssorgen, wie Kochen, Putzen, Kartenlesen oder Autofahren „befreit“ werden. Dazu werden die Rechner Kompetenzen erlernen, die bisher Menschen vorbehalten blieben:

  • Erzeugen natürlich-sprachiger Sätze
    Redaktionen wie AP, Forbes oder Los Angeles Times benutzen bereits heute Roboter-Journalisten, die kurze Artikel zu verfassen und sie auch vorlesen können.
  • Rechnen mit  Wahrscheinlichkeiten (bayes-sches Programmlernen, BPL)
    Durch Erfahrung gewonnenes Wissen wird in eine Analyse einbezogen. Etwa so: etwas Rundes ist vielleicht ein Rad, wenn vier davon an einem Kasten befestigt sind, ist das vermutlich (aufgrund vieler Beobachtungen) ein Wagen (Tannenbaum 2015).
  • Kommunizieren mit „Empathie-Modulen“
     Lernfähige Algorithmen werden trainiert
    , durch versteckte Andeutungen, Sprachmelodie oder eingescannte Mimik, „Gefühle zu erraten“ und „spontan einfühlsam“  zuvor Einprogrammiertes zur Situation passend in ein „Gespräch“ einzubringen.
  • Psychotherapie mit Robotern
    In Peking werden Gläubige in Lonquan-Tempel von dem Roboter-Mönch Xian’er betreut. Er ist einen halben Meter groß, kann zwanzig einfache Fragen beantworten, und sein Gesicht zeigt ständig den Ausdruck von Überraschung. Bei Berührung seines, vor seinem dicken Plastik-Bauch hängenden, „Touch Screen“ singt er erbauliche Lieder, erzählt etwas über den Buddhismus oder über die Geschichte seines Klosters. (Guardian 06.05.2016)
  • Geldverdienen durch „denkende und lernende“ Börsen-Computer
    Rechner sollen an Börsen nach Mustern und Zusammenhängen suchen, die menschlichen Beobachtern entgehen würden, zum Beispiel nach ähnlichen Gewinn- und Verlust-Entwicklungen ganz unterschiedlicher Unternehmen in verschiedenen Branchen und Ländern. Mindestens ein erfolgreicher Finanzmakler glaubt beim Geschäfte-Machen an die Überlegenheit der Algorithmen-Logik gegenüber dem „gesunden“ Menschenverstand: „Menschen sind schlichte Gemüter, sie generalisieren, wo sie nur können und behalten das bei, solange es Erfolg hat. … Wir Menschen überschätzen unsere intellektuellen Fähigkeiten. Wir lernen im Laufe des Lebens, Muster zu erkennen und reagieren darauf in vorhersehbarer Weise. Wir meiden bestimmte Situationen, genauso wie wir die heiße Herdplatte zu vermeiden gelernt haben. Und wir entwickeln Werkzeuge, um unbekannte Situationen zu analysieren, zu kategorisieren und zu strukturieren. Nur selten wird unser Handeln von abstrakten Prinzipien geleitet. Gut gewählte Leitprinzipien aber machen unser Leben erfolgreicher – sei es beim Investieren, im Beruf oder bei der Partnerwahl.“ H. Leber (Actis GmbH): Die Macht der Muster in der Finanzwelt
  • Denken mit „menschenähnlichem Gehirn ohne Körper“
     Im Jahr 2013 sprach die europäische Kommission einem Team von Neuro-Wissenschaftlern mehr als  Milliarde € zu, damit diese ihre Vision eines digital nachgebauten Gehirns verwirklichen können (Human Brain Project). In den USA soll ein ähnliches Projekt geplant sein. Ein Gehirn zu simulieren ist ein enorm ambitioniertes Unterfangen. Die Neuro-Wissenschaftler sind gespalten: Viele halten das Großprojekt für Geldverschwendung, weil Denkleistung Leben und damit einen beweglichen Körper erfordere.
  • Denken als Mix aus Mensch und Maschine (Cyborg)
    Alle weltweit-führenden Algorithmen-Unternehmen arbeiten fieberhaft an verkörperten Maschinenversionen, die dafür sorgen sollen, dass sich in einer neuen evolutionären Etappe, das menschliche Gehirn und auch der dazugehörige Körper verändern. Dazu sollen so genannte Cyborgs entstehen: ein Gemisch aus Menschen mit implantierten Computern ( Harari 2016)
  • Fröhliches Maschinen-Lachen
    Computer können mit Leichtigkeit Witze erzählen, und sie lernen auch genau an der richtigen Stelle zu lachen.  Sie sind  bestens geeignet für einen Humor, der sich strikt an die Regeln hält, oder für eine Fröhlichkeit, die genau dann ausbricht, wenn es so sein muss. Sie riskieren deshalb nicht, dafür verklagt oder erschossen zu werden.
  • Erkennen was „eigentlich“ gewollt ist
    Wenn ein Algorithmus etwas über früheres Kaufverhalten erfahren hat, kann er Suchanfragen nicht nur so beantworten, wie es der Frager (rational) wünscht, sondern auch dessen „Unbewusstes“ ansprechen. Also das, was „eigentlich“ gewünscht wird, was aber nicht gewagt wurde zu fragen. „Musik für alle“ ist ein solcher lernender Algorithmus, der sich immer weiter perfektioniert. Andere dieser Art könnten  Informationen so auswählen, sortieren oder ggf. auch manipulieren, dass sie genau zu dem passen, was wir hören wollen. D.h. sie könnten uns genau das Bild der Wirklichkeit vermitteln, das wir einfordern und sehen wollen, oder auch das, an das wir glauben sollen.
  • Sich über Avatare in reale Maschinen hineinversetzen
     In der Spiele-Industrie laufen z.Z. gigantische Massenversuche mit Datenbrillen, die durch Eintauchen in zweite oder dritte Identitäten mit Avartaren das Ich-Gefühl verändern. Die ewige Frage „Wer bin ich“ wird so entschieden werden, dass ich heute und morgen jeweils eine andere oder ein anderer sein kann. Die Avatare werden uns, mit realen Maschinen verbunden, verkörpert erscheinen. Oder: Mit Sensoren ausgestattete Daten-Handschuhe oder Ganzkörperanzüge vermitteln die Illusion, sich in einem anderen Körper zu befinden. Bei immer weiter gehender Perfektionierung solcher virtuellen Avatare mit Schnittstellen in die Realität, wäre es möglich, einen Mord zu begehen und zugleich ein „wasserdichtes“ Alibi zu besitzen. Warum nicht auch ein Selbstmordattentat mit einer Drohne, in deren Computer ein Avatar lebt? Auch Folterungen, bei denen das Opfer real, der Folterer aber virtuell ist, werden möglich sein. Wie immer in solchen Fällen technischer Neuerungen humpelt die Diskussion über ethische Konsequenzen hoffnungslos hinter der kommerziellen und militärischen Dynamik hinterher.
  • Das Internet der Dinge
    David McCandless
    Das Internet der Dinge

    Das Internet begann mit einer Vernetzung von Rechnern. Dem folgte die Vernetzung der Menschen durch Handy, Chat-Applikation und soziale Netzwerke. Jetzt wird das Internet der Dinge folgen, bei den sich, wie in einem großen, weltumspannenden Nervensystem viele kleine Maschinen, Algorithmen und Sensoren vernetzen und in Rückkopplungs-Schleifen miteinander kommunizieren:
    Interaktive Graphik: The Internet of Things (D. McCandless)

  • Maximale Daten-Komprimierung und Ex-formation
    Daten aufzunehmen, ist bei der Informations-Verarbeitung weit weniger wichtig, als Hintergrundrauschen und Datenmüll zu löschen (Ex-Formation). Die beim Zug-Fahren aus dem Fenster schauen, wissen das, und vergessen alles, was sie sehen. Damit das trotzdem weiterhin Anhaftende, aber sinnlose, beseitigt wird, träumen wir und konsolidieren dabei das Bedeutsame.
    Dieser eigentlich offensichtliche Zusammenhang hat sich bei vielen noch nicht herumgesprochen: Gläubige verehren einen Allwissenden, der nichts vergessen soll, und Lehrer trichtern ihren Kindern Wissens-Brei ein, den diese möglichst unverändert wiederkäuen sollen. Computerwissenschaftler halten dagegen die Fähigkeit, alle überflüssige Information konsequent zu beseitigenden für den Kern von Intelligenz, also das „Defragmentierungs – und Komprimierungs-Programm der Festplatte Gehirn. Dem Informatiker Huttner gilt Intelligenz als der „Erfolg einer Strategie, gemittelt über alle vorstellbaren Möglichkeiten“.
    Intelligent sei, etwas konsequent zu vereinfachen. D.h. in den Datenbergen radikal „William von Occhams Rasiermesser“ anzuwenden „Unter allen mit einer Beobachtung vereinbarten Erklärungen, nimm die einfachste“. Das können emotionslose Maschine oft um ein vielfaches besser als gefühlvolle oder zweifelnde Menschen: „So wird Ihr PC wieder wie neu: Ausmisten, Putzen, Patchen – bringen Sie Ihren Rechner wieder auf Vordermann. Befreien Sie ihn von Datenmüll. PC-Welt 13.03.2016“

Ist die menschliche Intelligenz am Ende?

 If you hate people and think human extinction is okay, then fuck it. Don’t go to space. If you think it is worth humans doing some risk management and finding a second place to go live, then you should be focused on this issue and willing to spend some money” (Elon Musk, Guardian 08.04.2016)

Elon Musk ist der Chef des erfolgreichen Raumfahrunternehmens SpaceX. Er glaubt an die Allmacht der Algorithmen, weil er, wie andere Nerds, seine vielen Millionen mit einem innovativen Algorithmus verdient hat: mit PayPal. Er träumt von einer künstlichen Algorithmen-Welt auf dem Mars, die dann voll funktionstüchtig sein soll, wenn die Algorithmen die Erde unbewohnbar gemacht haben werden.

Das Besondere an der Musk-Vision des Lebens auf dem Mars ist, dass es auf der Red Colony keine Natur geben wird.

In der Evolution wäre das konsequent: Die Menschen hätten sich von ohnmächtige Teilen ihres Ökosystems allmählich emanzipiert, beherrschten die Natur schließlich, und schafften sie dann ganz ab.

Aber lohnt sich das „one way ticket“ zum „bigest media event ever“?

Mars One 2023 Introduction Film

Wie würden die verbleibenden Menschen in der natur-freien Algorithmen-Welt leben?

Roboter sind genügsam. Sie benötigen keine Schlafperioden und müssen sich auch nicht mit Spielfilmen, TV-Fußballspielen, Gebeten, Parties oder Pornographie ablenken lassen. Sie sind deshalb hervorragend geeignet, um in lebens-unfreundlichen Regionen (im Weltraum, auf dem Mars oder in verstrahlten Atomkraftwerken) tätig zu sein. Also in Umgebungen, in denen Menschen innerhalb kürzester Zeit sterben würden.

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Das Auge von HAL 9000 (Bild Wiki)

Menschen wären bei Ankunft auf dem Mars nach langer Reise in Schwerelosigkeit und Strahlung kränkelnde Fracks, die nach einer Gesundheitsversorgung verlangen würden, die es dort nicht geben wird.

Langzeit-Astronauten litten unter Beschwerden des Bewegungsapparates, des Verdauungstraktes und der Nieren. Das Risiko für Infektionen von Haut und Schleimhäuten (Mund, Augen, Atemwege) und für Autoimmunerkrankungen wäre erhöht. Denn die Körper-Zellen, insbesondere die des Immunsystems und des Bewegungsapparates, benötigen für ihre inneren Strukturen (Zyto-Skelette) die Orientierung der Gravitation.

Außerdem bilden Menschen funktionelle Einheiten mit Bakterien und Viren (Mikrobiom): etwa wie Zimmerpflanzen mit ihren Wurzelballen. Dieses Zusammenspiel kann sehr leicht empfindlich gestört werden. Hinzu kämen Stress durch hohe Belastungen und die Enge des Zusammenlebens ohne Ausweichmöglichkeiten. (Gulland 2016, Ullrich 2011, Ziegler 2001)

Warum müsste es solche körperlich, psychisch beeinträchtigten, in der Versorgung extrem teuren und dauerhaft wenig leistungsfähigen Lebewesen für das Funktionieren der natur-freien Algorithmen-Welt auf dem Mars geben? Würden sie nicht, wenig effizient,  immense Kosten verursachen und ggf. durch irrationales Verhalten den Erfolg des Unternehmens gefährden?

Warum also sollte ein „effizient denkender“ Algorithmus sie nicht töten?

„Tut mir leid, Dave, ich fürchte, das darf ich nicht tun. Die Mission ist zu wichtig für mich, als das ich zulassen dürfte, dass du sie gefährdest!“ HAL 9000 

Ich denke, weil sie Stanley Kubrick die Rechenmaschinen überschätzt hat. Denn sie sind und bleiben stroh-dumm, und können keine eigenständigen Entscheidungen treffen, die nicht zuvor einprogrammiert wurde oder von jemandem befohlen wurden.

Rechner und Roboter sind tot

PC sind heute näher an einer Waschmaschine als an einem Gehirn! Prof. Fei-Fei Li 2016 – „Das PC Bewusstsein erlangen können, halte ich für ausgeschlossen.“ Raul Rojas, FU Berlin, Forschungsgruppe „Künstliche Intelligenz“, 2016

Analogrechner
Computer: Ein – Aus. Eins nach dem anderen. Sehr schnell.

Selbst die leistungsfähigsten Denk-Maschinen sind einfachen Pflanzen und Tieren unterlegen. Sie leben nicht. Werden sie nicht gelenkt, betrieben oder gewartet, verrotten sie regungs- und funktionslos, bis sie wieder jemand repariert und nutzt.

Lebewesen dagegen erneuern sich aus sich selbst heraus. Sie verändern sich, wachsen und gedeihen und erschaffen sich im stetem Austausch mit ihrer Umwelt ständig neu. Während ihres Daseins werden alle Atome, aus denen sie bestehen, vielfach ausgetauscht, und doch bleiben sie in einem Alterungsprozess in ihrer Selbstähnlichkeit erhalten (Autopoiese).

Alles Lebende ist verkörpert.

Wahrnehmung und Analyse von Informationen sind immer mit Handlungen verbunden, die durch zukunftsorientiertes Ausprobieren zu Veränderungen der Informationsverarbeitung führen. Erst reicht ein Organismus („ein Pantoffeltierchen“) tastend in die Welt hinaus, dann nimmt es etwas wahr („süß“), dann bewertet es die Information („bedarfs-befriedigend“) , dann handelt es („hinschwimmen und aufnehmen“), und dann wird diese Erfahrung (je nach Ausstattung des Informationsverarbeitungssystems) auch gespeichert. Lebewesen können so Erfahrungen machen und diese für künftige Aktionen nützen.

Darüber hinaus können Menschen sich von der Vergangenheit gänzlich lösen und irreale Zukunfts-Vorstellungen und Visionen entwickeln. Sie können sich neue Welten ausdenken, darüber kommunizieren und bisher völlig Unbekanntes entdecken oder selbst erschaffen. Sie sind daher den Hochleistungs-Rechnern, die durch Algorithmen gesteuert werden, in einigem radikal überlegen.

Menschen können z.B.

quantenrechner
Regelkreise von In- und Output sind typisch für Lebewesen. Als Ganzes schwingen sie rhythmisch oder ändern sich schlagartig.
  • alles, was geschieht, gleichzeitig wahrnehmen: selbst absolut neue und einmalige Situationen,
  • sich (wie beim Segeln) mit der Dynamik eines Geschehens verbinden,
  • lebende Systeme nutzbringend beeinflussen und deren Wachstum und Entwicklung fördern,
  • sinnlich Erfahrenes emotional bewerten und mit ihren Gefühlen kommunizieren,
  • dem was geschieht, einen körperlichen Ausdruck verleihen,
  • schöpferisch (kreativ, innovativ) und leidenschaftlich tätig werden,
  • Zusammenhänge erfassen und bewerten,
  • liebe- und sinnvolle Beziehungen eingehen u.v.a.

Es ist sinnlos, mit Computer auf Gebieten zu konkurrieren, in denen sie  Menschen überlegen sind.

Rechner können z.B. totem Datenbank-Wissen wesentlich besser durch-forsten. Sie würden bei Quiz-Sendung oder Multiple Choice-Prüfungen immer mit Leichtigkeit gewinnen. Bei solchen stumpfsinnigen Tätigkeiten sind sie Menschen haushoch überlegen.

Wir könnten uns also auf das zu konzentrieren, was wir als „lebend-verkörperte Quanten-Rechner“ viel besser ausführen können als sie: auf Beziehungen, körperliche Bewegungen, emotionale Intelligenz, Kommunikation, kreatives Denken, Verknüpfung von Fakten zu neuen Zusammenhängen, auf das Aussortieren von sinnlosem und auf die Kunst einen Gesamtüberblick zu behalten.

Wir sollten in unseren Erziehungs-Fabriken damit aufhören, „autistische“ Einzel-Fakten-Experten zu züchten, die sich vergeblich damit abquälen, mit Computern konkurrieren zu müssen. Und stattdessen Menschen, so früh wie möglich, darin bestärken, Zusammenhänge und Beziehungen und die Dynamik der Systeme zu verstehen, aus denen sie bestehen und in denen sie leben. 

Damit eröffneten sich neue Freiräume:

Flücht­lings­kri­se, Krie­ge, Ab­hän­gig­keit von Roh­stof­fen bil­den eine Kas­ka­de von Pro­ble­men, von de­nen nicht ein ein­zi­ges mit den Mit­teln der Di­gi­ta­li­sie­rung zu lö­sen ist.

Um­welt­zer­stö­rung, Kli­ma­wan­del, Land­raub und all die an­de­ren Fol­gen ei­nes in sei­ner Stei­ge­rungs­lo­gik un­ge­brems­ten Hy­per­kon­sums (machen deutlich):

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist nichts als ein Be­schleu­ni­ger des Kon­sums von Gü­tern und Dienst­leis­tun­gen. Hier zählt nur die rei­ne Ge­gen­wart und wie ihre Ge­ge­ben­hei­ten aus­zu­schöp­fen sind. Harald Welzer, „Die smarte Diktatur“, S. Fischer Verlag, Stiftung Futur 2.

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Literatur

Autor: Helmut Jäger