TCM?

Der Begriff TCM geht auf Mao Zedong zurück.

1949 sollte aus der Not des Landes, dass über kein Penicillin verfügte, eine Tugend gemacht werde. Daher führte man sehr unterschiedliche, lang-überlieferte Heil-Traditionen zusammen: die Kräutermedizin traditioneller Apothen, schamaistische Rituale, esoterisch-religiöse Konzepte, Bewegungslehren und ärztlich-philosophische Vorstellungen. Unter dem Begriff noch sehr jungen Begriff „Traditionelle Chinesische Medizin“ verbergen sich also viele unterschiedliche Stömungen des Heilens und des Denkens:

  • aus lindernd oder stimmulierend  wirkenden Pflanzenextrakten,
  • schamanistischen Versöhnungsritualen mit den Geistern und Ahnen,
  • philosophischen Konzepten, die Menschen dabei unterstützen sollen, gesund zu bleiben

Chinas Kräutermedizin (z.B. Sumpffieber-Behandlung mit Beifuß-Artemesia) wurde seit über 2000 Jahren von Apotheken verkauft. Die Pflanzenkundigen stellten sich vor, Krankheiten würden von Mini-Wesen oder Geistern verursacht, und müssten durch geeignete Gegenmittel und kriegsähnliche Strategien besiegt werden.

Neijing
Neijing und Celsus: sich zurückhalten, entspannt bewegen, sich sauber halten, die Welt ruhend und gelassen betrachten, sich gesund ernähren, sich jahreszeitlich angepasst verhalten, sich mäßigen.

Die frühen chinesischen Ärzte, hatten dagegen, ähnlich wie ihre Kollegen in Griechenland und Indien, ursprünglich keine Therapie-Interessen. Sie waren eher daran interessiert, wie ein Körper, ähnlich wie ein Staat, so regiert werden könnte, dass er langfristig ohne Kriege und Revolution in Frieden alt wurde.

Antike chinesische Ärzte gaben gute Ratschläge, leiteten Bewegungsübungen an, propagierten Hygiene und Mäßigung, verminderten Stress, tasteten den Puls. Der Klassiker der frühen ärztlicher Philosophie in China Huang Di Nei Jing, gleicht in vielem dem, was sich 200 Jahre zuvor als klassische griechische Medizin entwickelt hatte (vgl. Celsus Cornelius: De Medicina).

Kleine Übersicht der chinesischen Medizingeschichte

Neijingtu
Neijingtu: Ein Schaubild der Beziehungen im lebenden Menschen (Foto: Jäger)

Die alte chinesische Medizin-Philosophie war von den Apotheken strikt getrennt. Dort wurden und werden nicht sichtbare Kleinst-Lebewesen („Mikroben“) militärisch bekämpft, Dämonen ausgetrieben, Potenz mit Hornspänen seltener Tiere gestärkt, oder Heilkräuter symptombezogen angewendet. Zum Teil mit guten Erfolgen: die chinesischen Heilkräuterkonzepte wurden seit 2.500 Jahren systematisch erfasst und taugten nicht nur bei Malaria (sofern die Anzucht und Transport nicht zu Verseuchung der Pflanzen durch Pestizide und Schwermetalle führen).

Durch einen kaiserlichen Erlass von 1.078 n.u.Z. erhielten die Apotheken ein Monopol zur Krankheitsbehandlung. Alle Rezepturen wurden verschriftlicht und Symptomen zugeordnet. Die Nutzer traten direkt an die Kräuterverkäufer heran, schauten in einer Liste nach, wo’s wehtat und sagten dem Apotheker dann, was dieser ihnen verkaufen sollte: antike Vorläufer der Online-Apotheken.

Die chinesischen Ärzte waren plötzlich überflüssig geworden und arbeitslos. Aber es tat sich für sie eine neue Marktlücke auf: Viele Ärzte ließen sich von Apotheken gegen Bezahlung anstellen, um den Patienten mit ihren Modellen zu erklären, warum eine offenbar beliebte und gut verkaufte Droge oder Präparate-Mischung auch wirkte. Dazu konstruierten sie reichlich komplexe Denkgebäude, die kein Laie zu verstehen in der Lage war. Daher fehlte dem Patienten ohne Expertenanalyse der Glaube an die Heilwirkung der Droge.

Die neue Medizinphilosophie fußte auf der Staatsphilosophie des rituellen, formalistischen Konfuzianismus und dem Glaubenssystem des religiösen Daoismus, in den auch die Ideen nestorianisch-christlicher Missionare eingeflossen waren. Die alchemistischen Theorien hatten das aus Griechenland importierte Fünf-Elemente-Wandlungssystem aufgenommen, das mit den buddhistischen Sekten von Indien nach China transportiert worden war. Grundlage der Behandlung war die Annahme, dass die Wirklichkeit durch das Erklärungssystem in vereinfachter Form abgebildet werde, so dass eine Diagnostik möglich sei, die wiederum zu Kräuteranwendungen oder Akupunktur oder Bewegungsempfehlungen führte.

Akupunktur
Akupunktur-Puppe (Bild Jäger 2018) GERAC-Akupunktur – Studien 2002-2007

Die Akupunktur war aus Experimenten mit Kriegsgefangenen und Sklaven entwickelt worden. Man trieb spitzen Gegenständen aus Holz oder Metall in ihre Körper und beobachtete was dann geschah: manchmal Gutes (wenn man einen anatomisch definierten Schmerzpunkt getroffen hatte, der ein indirekt wirkendes Hirnsignal auslöste), oder auch Schlechtes: Infektionen, Vereiterungen, Blutungen und Verletzungen. Die frühe Akupunktur war weder sanft noch harmlos. Sie erlebte deshalb erlebt in China im 19 Jhh. wegen ihrer zahlreichen Nebenwirkungen einen Niedergang. Viel später entwickelte sich dann die Renaissance der Akupunktur im Westen, insbesondere weil während der Kulturrevolution traditionelles Wissen verfolgt wurde.

Im 17. Jhh. waren chinesische Apotheken bei Erkrankten offenbar sehr beliebt. Die Ärzte aber stritten sich über viele chaotisch sich widersprechende Lehrmeinungen. Jeder definierte als richtig, was er so meinte, und wofür er bezahlt wurde. Der Arzt Xu Dachun nannte z.B. als Gründe für eine nachlassende Bedeutung der Akupunktur, dass sie erstens schwieriger zu erlernen sei als die Arzneikunde, und dass die Menschen nicht mehr gestochen werden wollten, weil es ihnen offenbar oft danach nicht gut erging. Eine Arznei, die eingenommen wurde, erschien vielen nebenwirkungsärmer. Die präventiven Philosophien der Frühzeit verkamen weitgehend oder wurden in die in der Volksmedizin aufgenommen: als „Do it yourself“ oder Gymnastik oder Meditationsformen.

Im 18. und 19. Jhh. wurde das, was von der Akupunkturlehre übrig geblieben war, durch die Frisöre übernommen. Diese boten ihren Kunden als Ergänzung zum Zöpfeflechten und Haareschneiden jetzt auch die Tuina-Massage anboten. Akupunktur wurde dann Ende des 19. Jhh. an der Kaiserlichen Akademie in Peking verboten, weil es zu viele Nebenwirkungen habe: kein Wunder bei der Mehrfachverwendung von Holzstäbchen. Damit war das Ende der philosophisch-chinesischen Medizin besiegelt, während es in den Apotheken weiterging mit einem Gemix aus Kräutern, Räuchern, Schlucken etc.

Mao Zedong sorgte nicht nur dafür, dass alle verbleiben Reste überlieferter und sich widersprechender Methoden zusammengerührt wurden. Ungewollt förderte er auch die Wandlung und Weiterentwicklung des komplexen Gedankengutes. Herausragende, kluge und kompetente Personen der chinesisch-psychologischer Medizin- und Bewegungskunst flohen wie der Arzt und Taiji-Lehrer Zheng Manqing über Taiwan in die USA oder nach Süd-Ostasien, weil sie sonst während der Kulturrevolution verfolgt oder als Konterrevolutionäre umgebracht worden wären. Und von Taiwan, San Francisco und New York mussten sie, um zu überleben, dann ihre bis dahin geheim gehaltenen Fähigkeiten und Künste an „Langnasen“ weitergeben, die sie nach Europa weitertrugen.

Die Entwicklung der Akupunktur zu einem überprüfbaren System der indirekten Beeinflussung körperlicher Funktionen erfolgte erst im Westen. Bewegungsformen wie Qi Gong und Taiji sind inzwischen ein weltweites Kulturgut und werden auch in Europa, Russland, Asien, Brasilien oder Amerika dynamisch weiterentwickelt. In China wird dieser Trend zunehmend erkannt und als ein Verlust empfunden. Um die Marke „made in China“ zu erhalten, erlebt „TCM“ nun auch in China selbst eine dynamische Renaissance. Wissenschaftliche chinesische Journale untersuchen Wirkstoffe der „TCM“, und die Sportuniversitäten in Peking und Shanghai u.a. bemühen sich um eine Standardisierung des Qi Gong.

Das Gemeinsame der östlichen und westlichen Medizin

Wie in China, so bei uns, ist es eine wesentliche Existenzberechtigung der Ärzte, mit einem komplexen, für  Laien wenig durchschaubaren Glaubens-Modell die Welt zu erklären und damit dem Patienten vor allem eines zu vermitteln: Vertrauen, Sicherheit, Hoffnung. Eine verwirrend chaotische Situation (Krankheit) wird in einem Denkmodell auf den Punkt gebracht und erhält einen Namen (Diagnose). Damit erscheint das Problem erscheint klar und einfach und ein definierter Gegner (Krebszelle, Mikrobe) ist besiegbar: Bald wird es wieder gut werden!

Die Art aber, wie auf Krankheit und Gesundheit geschaut wird, ist eine andere.

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Literatur

  • Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32
  • Tripp E: Wie funktioniert die Akupunktur? Shiatsu Newsletter 153, 01.02.2009
  • Tripp E: Die Entwicklung der Chinesischen Medizin auf dem Hintergrund von Geschichte und Kultur, Shiatsu-austria, Magazin, 105
  • Unschuld P: Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst. Beck. 2003
  • Unschuld P: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine: A Chinese View from the Eighteenth Century, Paradigm Publications, 1998

Autor: Helmut Jäger