Algorithmen-gesteuertes „patient-processing“

Mit wachsender Kompetenz der Rechner verliert die „Patienten-zentrierte Medizin“ an Bedeutung

Algorithmen können vieles schneller und besser erledigen, was eigentlich zu klassischen ärztlichen Tätigkeiten gehört:

  • einen sehr komplexen Zusammenhang auf das Entscheidende reduzieren (eine Diagnose finden)
  • Wissen aus Büchern, Studien, Leitlinien und Datenbanken abrufen
  • ein Standard-Vorgehen finden, dass sich bei vielen anderen Personen bereits bewährt hat

Vertreter der Ärzteschaft beschwichtigen:

„Der Arztberuf läuft nicht Gefahr, abgeschafft zu werden.“ (PD Dr. S.Kuhn) „Das Vertrauen zwischen Arzt und Patient wird sich nicht ändern“ (Professor C. Straub). „Ärzte werden Patienten sicherer und qualifizierter behandeln“ (Dr. K. Reinhardt). „Im Mittelpunkt der Medizin stehen weiterhin der Patient der Arzt“ (PD Dr. P. Bobbert). DÄB, 25.10.2019, 116(43):1585-1587

Sie irren sich möglicherweise

Denn die Giganten der Digitalisierung sind dabei den Gesundheitsmarkt zu erobern. (Guardian 09.7.2019) Ihre Gewinnerwartungen sind hoch, denn in den USA werden 17 % des nationalen Bruttosozialproduktes (BNP) für in diesem krisenstabil wachsenden Merktsegment ausgegeben. Und in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind es zwischen 10-11% des BNP.

Amazon kaufte für den Aufbau seiner Gesundheitssparte für eine Mrd US $ das Unternehmen PillPack und schloss mit einer der weltweit größten Banken (JPMorgan) eine strategische Partnerschaft. Ziel sei es, das „Gesundheitswesen in jeder Haushaltssituation“ im Sinne der Konzerninteressen zu verankern. (The Guardian Weekly 06.09.2019)

Google integrierte für die Realisierung seiner Vision „DeepMind“, eine „vielschichtig rechende“ Software, die zwei der weltweit besten Go-Spieler besiegen konnte. Nun soll der erfolgreiche Algorithmus für den Einsatz im Gesundheitswesen weiterentwickelt werden.

Cyber-Doc. Bild: Jäger 2019

Der Bertelsmann-Konzern verfolgt andere Wachstums-Strategien. Die digitale Transformation als Gesundheitswesen soll verbunden werden mit einer klaren Steuerungskompetenz eines zentralen Management, das zu Effizienz, Rationalisierung und Konzentrierung führt (Bertelsmann Health). Durch Analyse einer riesigen Daten Datensammlung im deutschen Gesundheitswesen (Weiße Liste) kommt Bertelsmann in einer Studie zur Schlussfolgerung, dass jedes zweite Krankenhaus in Deutschland geschlossen werden könnte (FAZ 15.07.2019). Eine weitere Bertelsmann-Studie zur Begrenzung der Überversorgung (IGES Studie 05.11.2019), scheint dafür zu werben, dass ein im Wesentlichen von Bertelsmann beeinflusstes oder vielleicht auch gesteuertes Gesundheitswesen (Health Community) rationaler sei als der Wildwuchs des Gesundheitsbusiness, und daher die Bertelsmann Strategie Kosten einsparen könne.

Das „Digitale-Versorgung-Gesetz“ das Bundesministerium für Gesundheit wird den Trend zur algorithmengesteuerte Medikalisierung weiter beschleunigen. Es werden riesige Datenmengen generiert werden, die nur durch „intelligent-neuartige“ Rechenleistung im Wesentlichen zur Markt-Beobachtung in der Gesundheitswirtschaft. Dafür wird der Datenschutz fahrlässig gelockert werden (IPPNW 06.11.2019). Und es wird eine Flut Apps in den Markt schwappen, deren Qualität in der überwiegenden Mehrzahl nicht belegt ist und erheblichen Sicherheitslücken belastet sein können, , wenn sie mit verschiedenen Tracking und Analysedienstleistern und Social Media verbunden sind. Zum Beispiel Ada Health und Vivy, die mit anderen Anbietern fordern, der Datenschutz solle „nicht mehr Totschlagargument“ benutzt werden (FAZ 05.11.2019, Nr 257, Seite T1)

„Seit Amtsantritt des derzeitigen Gesundheitsministers kommen aus seinem Hause in rascher Folge Gesetze zur Abstimmung durch die Legislative, in denen die Persönlichkeitsrechte von Patienten und Versicherten im wahrsten Sinne des Wortes zu Markte getragen werden. Wolfgang Wodarg, 10.11.2019

Patientenzentrierte Medizin wird also immer zügiger in eine algorithmengesteuerte Fließbandmedizin, das sogenannte „patient processing“ übergehen.

Dort werden

  • umfassende Kenntnisse, um Zusammenhänge zu überschauen, und
  • typisch menschliche Kompetenzen, wie Emotion oder Empathie

immer weniger nachfragt werden. 

Stattdessen erwartet uns eine Medizin-Zukunft, die keine Ärzt*innen mehr benötigt.

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Letzte Aktualisierung: 22.11.2019