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Corona: War da was?

Warum rudern die Medien zurück?

Überall der gleiche Tenor: „Sorry, wir konnten es ja nicht wissen. Jetzt müssen wir aber nach vorn schauen – und kriegstüchtig werden.“

Artikel aus: Welt, Spiegel, Ippen, dpa, u.a. ~18.03.2024.

Todes-Angst und Todes-Sehnsucht

Die Krise der Spezies Homo sapiens (und seines Ökosystems) ist elementar. Sie erzwingt radikales Neudenken. Besonders „im Westen“, weil hier der ethisch-moralische Überbau des Kapitalismus verschwand.

„Gesundheit“ als Ersatz-Kult war nur kurzzeitig erfolgreich.

Todes-Angst und betreutes Denken bewirkten zwar angepasste Bravheit. Das Neue Normal der Maulkörbe wurde akzeptiert. Auch nach der, scheinbar durch Medizinprodukte überstanden, Gefahr, blieben Proteste gegen Demokratieabbau, soziales Elend und Kriegswirtschaft aus. Viele zogen sich ins Private zurück, haben gesellschaftliche Visionen verloren, oder sind jetzt wirklich krank.

Der neue Kriegskult hat es deshalb nicht leicht (RP, 20.03.24): Denn die Post-Covid-Gesellschaft ist nicht kriegstüchtig. Sie gleicht einer ängstlichen Schafherde, und nicht einer Horde von Widdern, die Wölfe vertreiben könnte.

Die apokalyptischen Reiter (Flak-Rheinmetall, Pistolius, Hofreiter etc.) schwärmen von Kriegern, die sich (mit unseren Waffen) „bis zum Letzten“ aufopfern, bis „wir“ dann endlich gewonnen haben werden. Über Friedenschancen nachzudenken, ist Verrat. (Mützenich 16.03.24)

Aber es ist schwierig, den Geist der mächtigsten kapitalistischen Staaten in kurzer Zeit von „Todes-Angst“ auf „Todes-Sehnsucht“ umstellen: Das Motto des World Economic Forum 2024 lautete „Rebuilding Trust“. Wo ist es nur hin, das Vertrauen?

Im reichen „Westen“ sind die Eliten sicher ‚kriegsfähig‘. Vielleicht auch die, in PC-Spielen gestählten, Hochspezialisten, die aus ihren Kommandozentralen die Drohnen steuern. Aber nicht die große Masse der erschlafften Konsumenten virtueller Realitäten.

In anderen Welt-Regionen sieht das anders aus. Zum Beispiel in den Staaten, die der Hegemonie des „Westens“ feindlich gegenüberstehen, und in denen der Kapitalismus durch unterschiedliche Formen von ideologischem Überbau beherrscht wird: brutal, hart, gewalttätig. Oder in anderen Ländern, in denen die Lebensgrundlagen durch globalisierendes Wachstums und Rohstoffkriege zerstört werden. Dort haben die überlebenden Menschen immer weniger zu verlieren, und machen sich deshalb auf den Weg.

In beiden Varianten gesellschaftlicher Realitäten hatte der Gesundheitskult (abgesehen von fremdfinanzierten Kampagnen) keine wesentliche Bedeutung. Die Vorstellung, „für unsere Ideologie“ zu sterben, ist dort wesentlich vertrauter.

Vielleicht keimt aber auch irgendwo auf der Welt eine Art Vision (oder gar eine Ethik?), die zu einer massenpsychologischen Welle anschwellen könnte, die über den Globus schwappt? Vor 1.300 Jahren hätte es auch niemand für möglich gehalten, dass den Gedanken eines Wüstenbewohners eine Bewegung folgte, die mächtige Reiche einstürzen ließ.

Krieg oder Friede sind massenpsychologische Phänomene.

Homo sapiens kam (im Gegensatz zu anderen menschenähnlichen) mit dem Dreiklang ‚Pothos, Himeros und Eros‘ in die Welt. Die früheren „Titanen“ waren im Gegensatz zu Homo sapiens zu Sex und Gewalt, aber weniger zu ‚Liebe-Sehnsucht-Verlangen‘ fähig. Sie konnten daher keine so großen, stabilen sozialen Verbände bilden.

Sehnsucht ist der intensionale, zukunftsgerichtete Aspekt. Er wird vermittelt durch Dopamin. Und gleicht einer Möhre vor unserer Nase, die bei uns schöner erscheint, als bei allen anderen Affen. Nur hängt sie leider viel weiter weg. Deshalb kann sie uns anziehen und zu großen Leistungen befähigen. Eros (die Spannung vor dem Sex) gleicht einer Aufspannung von Gegensätzen.

Das archaische Nomaden-Machtsystem der Göttin des Krieges, der Jagd und der Liebe (Ishtar, Inanna, Isis, Diana) herrschte vielleicht 40.000 Jahre lang bis vor etwa 10.000 Jahren. Es war keineswegs friedlich: Eros ist Lebens-bezogen und bedeutet, angesichts großen Verlangens, den (individuellen) Tod geringzuschätzen.

Die Zerstörung der Eros-Herrschaft (Gilgamesch Epos) war ungeheuer blutig. Als man begann, Pyramiden und Mauern zu bauen, benötigte man Sklaven und Fronarbeit. Sex war nur noch zur Vermehrung nötig. Eros-Pothos-Himeros waren überflüssig geworden. Sie wurden seit der neolithischen Bewusstseins-Revolution heftig bekämpft: durch Angst und Todeskulte. Aber allen Finster-Religionen-Ideologien-Machtsystemen gelang nicht Eros auszurotten. Möglicherweise gelingt es aber jetzt im kapitalistischen Wachstums- und Kriegs-Wahn geschieht: die Agonie des Eros, der Niedergang des Lebensdynamos im Herden-Einheitsbrei.

Ein aus meiner Sicht überfälliger Bewusstseinssprung wären das Begreifen und das Verstehen von Zusammenhängen und Beziehungen. Von den Wechselwirkungen, in die wir eingebettet sind, und die uns durchdringen. Eine Wiederentdeckung der rationalen Einsichten des Baruch de Spinoza oder eine Übertragung physikalischer Erkenntnisse über die Philosophie hinaus, in die gesellschaftliche Realität. Unsere Gesellschaften leiden, nach Ansicht des Psychiaters McGilchrist, an einer Zwangsstörung. Sie überbewerten tote Einzelfaktoren und haben an lebender Weitsicht verloren. Der Psychologe Mausfeld beschreibt die Hirnwäsche der Eliten, die das Selbstdenken verhindern. Metzinger beschäftigt sich mit Bewusstseinskultur und reinem Da-Sein, aus dem Neues entstehen könne.

Hinzu kommt der zunehmende Mangel an körperlichem Erleben und Erfahren in realen Beziehungen. Denn Hirnzellen schwingen in der Wechselwirkung mit Bewegungsfunktionen, und sonst radikal abgebaut.

Die Dynamik des krankhaften, kriegerischen, kapitalistischen Wachstumsprimats ist gewaltig. Die Zeit für allmähliche psychologische Veränderungen wird knapp sein.

„Wir überhöhen die Fähigkeit, Dinge zu manipulieren (engl. ap-prehend).
Und verlieren die Kompetenz zu verstehen, zu erleben und in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang einzuordnen (engl. com-prehend)“. Ian McGilchrist, 2021

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Letzte Aktualisierung: 21.03.2024