24. November 2025

Nikotin & Rauchen

Inhalt

  • Nikotin
    • Übersicht
    • Wirkungirkung
  • Werbestrategien vor, während und nach der Pandemie
  • Literatur

Nikotin (Übersicht)

Nikotinkonsum ist eine der folgenreichsten Gesundheitsstörungen. Die Tabakindustrie vermarktete, ungestört von Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-Pandemie, aggressiv Zigaretten und andere Nikotinprodukte. Sie bekämpft wirksame Maßnahmen zur Nikotinkontrolle und bringt seit der Covid-Pandemie ständig neue schädliche und suchterzeugende Nikotinprodukte auf den Markt. Der Tabakkonsum fordert weiterhin jedes Jahr über sieben Millionen Menschenleben, die überwiegende Mehrheit davon in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Kein anderes Konsumgift, Alkohol vielleicht ausgenommen, richtet weltweit so viele Schäden an wie das Rauchen. Der toxische Mix in Zigaretten erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf- und Karzinom-Erkrankungen, und bewirkt u. v. a. vorzeitiges Altern und Haut-, Darm- und Immunstörungen.

Mädchen und junge Frauen, die rauchen, sind besonders gefährdet, weil ihr Thromboserisiko steigt, insbesondere in Kombination mit der Einnahme der Pille.

Das Risiko ungewollter Kinderlosigkeit ist deutlich erhöht. Wenn Raucherinnen trotzdem schwanger werden, steigt die Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftskrankheiten und für früh- oder mangelgeborene Kinder. (WHO-Daten 2025, WHO-Declaration 2025)

Laut Debra (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) steigt der Konsum von Nikotinprodukten. Insbesondere E‑Smoke bei Jugendlichen (Debra Fakten 2025)

Deutschland ist im Kampf gegen den Tabakkonsum eines der Schlusslichter. Während der Pandemie durfte ungestört für Tabakprodukte geworben werden. Während in anderen Ländern starke Einschränkungen von Vaping und E‑Smoke, speziell bei Kindern und Jugendlichen, eingefordert werden. (RCPCH)

Warum solche Appelle oft folgenlos bleiben, liegt daran, dass Rauchen (für die Politik) auch „gute Seiten“ hat: Es erhöht (neben den Profiten der Hersteller) die Steuereinnahmen. Außerdem beruhigen sich Menschen, die unter starkem Stress arbeiten, durch Nikotin, ohne das Arbeitstempo zu verlangsamen. Das ist für die Industrie und für das Militär günstig, weil Raucher in der Regel erst am Ende ihres Arbeitslebens durch rauchtypische Krankheiten ausfallen werden. Für die Kranken- und Rentenkassen ist es positiv, wenn Menschen dann sozialverträglich früh versterben, wenn sie nichts mehr leisten. Andernfalls würden sie, gesund, langlebig und munter, über Jahrzehnte Renten beziehen und sich immer neue, teure Ersatzteile (Zähne, Hüften, Knie …) einbauen lassen.

Nikotin (Wirkung)

Born gently. Phillip Morris 1956

Immunzellen besitzen Signalsysteme, an denen der Botenstoff des Beruhigungssystems andockt (Acetylcholin). Nikotin passt genau in die Empfängerstruktur des Signals und blockiert sie. Weit vom Gehirn entfernte Zellen erhalten so die Information, dass die Welt in Ordnung sei, obwohl sie das natürlich nicht ist, zumal gerade Stresssignal-Stoffe durch das Blutsystem wirbeln. Nikotin beruhigt also ganz anders als Alkohol, der die Kontrollsysteme im Gehirn ausknipst. Es setzt viel weiter vom Zentralorgan entfernt an, und befriedigt einen Ur-Bedarf der ganzen Zell-Gemeinschaft.

Alle Körperzellen empfangen regelmäßig, im Rhythmus der Atmung, natürliche Beruhigungssignale. Für Immunzellen ist das besonders wichtig. Sie sind immer leicht aktiviert, damit sie bei Gefahr sofort „alles geben“ können. Sie benötigen kein Gaspedal, sondern eher eine beruhigende Bremse, die dafür sorgt, dass keine Überaktivität entsteht.

Die Beruhigungsreflexe werden u. a. ausgelöst, wenn vertieft eingeatmet und anschließend ruhig und langsam ausgeatmet wird. Das Zwerchfell arbeitet dann ruhiger, das Herz schlägt langsamer, und die Lunge saugt mehr Luft an. All das beruhigt, egal ob man durch einen Strohhalm atmet, oder die Yoga-Röllchen-Atmung betreibt, oder an einem Glimmstängel oder einer Wasserpfeife zieht. Aber das allein erklärt den Suchteffekt nicht.

Auch nicht, dass Nikotin beim Zug einer Zigarette über die Lunge schneller ins Gehirn fließt, als Heroin nach einem „Schuss“ in eine Vene. Aber im Gehirn sind nikotinähnliche Signalsysteme (cholinergen Rezeptoren) selten.

Nikotin entfaltet seine beruhigende Wirkung vielmehr an den peripheren Körperzellen, u. a. in der Milz, im Darm und im Immunsystem.

Deren Zellen bekommen bei Rauchern keine eindeutigen Informationen darüber, was eigentlich geschieht. Sie dürfen ruhig arbeiten, wenn das Bewegungssystem ruht, wenn der äußere Stress zum Erliegen gekommen ist.

Erreicht sie das Beruhigungssignal nicht, reagieren sie „wuschig“, desorganisiert oder übererregt. (Mehr: Vagus-Funktion)

Einstiegs- und Begleitdroge

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E-Smoke Laden, 2015. e-smoke-4-you: Rauchen war gestern, dampfen ist heute

Der Nikotinkonsum passt zum Gebrauch vieler legaler und illegaler Suchtmittel. Nikotin beruhigt sowohl, wenn gerade „alles gegeben werden muss“, als auch wenn zum Abschlaffen Cocktails  geschlürft werden. Die Folgen des Nikotinkonsums hängen deshalb von der Menge des Konsums anderer Drogen ab. Also, ob gleichzeitig große Mengen von Kaffee oder Energy-Drinks, oder auch Koks und Partydrogen zum Aufputschen verwendet werden. Oder wie viel Alkohol eingefüllt wird, um aus den künstlichen Hyperaktivitätszuständen wieder herauszukommen.

Die Zahl der Störungen, die sich aus einer kombinierten Einnahme von reinem Nikotin mit anderen Suchtmitteln ergibt, ist unendlich vielgestaltig.

Menschen, die sich wie einen Computer ständig künstlich hochfahren und abschalten, leiden u. v. a. an Schlafstörungen und deren gesundheitlichen Folgen, die bei Raucher:innen besonders drastisch ausfallen.

Warum rauchen junge Menschen „gern“?

„Mit aller Kraft …“ das Rauchen besiegen zu wollen (Dt. Krebshilfe) ist wirkungslos. Denn der Trend der ökonomischen und politischen Entwicklung wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung.

Natürlich wissen fast alle, die rauchen, rational um die Risiken,. Aber sie glauben, dass Schäden erst in einer fernen Zukunft eintreten werden. Sie denken, dass sie selbstbestimmt handeln, weil sie einen Bedarf erfüllen. Etwa den, vom Freundeskreis und dem gesellschaftlichen Umfeld angenommen zu werden und das zu tun, was alle tun. Sie empfinden Stress und brauchen Sicherheit, was auf normalem Weg gerade nicht erfüllt werden kann. Und Nichtrauchen in einer Gruppe von Rauchern würde noch stärker isolieren. Nikotin dagegen besänftigt, und es hilft, Aggressions-, Flucht- und Panikreaktionen zu dämpfen. Das erleichtert es, in den Tretmühlen des Lebens mitzuhalten.

Auch bei mir war das so, als ich als Student intellektuell und männlich wirken wollte. Damals war Pfeife angesagt. Ich glaubte, rauchend eine wirksame Illusion vermitteln zu können. Außerdem beruhigten das Gefummele, Gestopfe und Gesauge meine Nervosität. Natürlich behauptete ich, ein Genussraucher zu sein. Bis mein Selbstvertrauen wuchs und mir das Rauchen dann nicht mehr schmeckte.

Heute würde kein Jugendlicher Pfeife rauchen. Stattdessen aber selbst gedrehte Zigaretten, Shisha oder neuen Modeprodukte (e-smoke), bei denen die Nikotinkonzentrationen deutlich höher liegen. (Cobb 2015)

Wege aus der Sucht

Den intensiven Bedarf der Immunzellen nach Beruhigung (oder ersatzweise nach Nikotin) „bekämpfen“ zu wollen, scheitert häufig. Gesellschaftlicher Druck führt zu Stress und fördert damit Suchtverhalten.

Aber man kann nach Wegen suchen, wie berechtigte Bedarfe besser befriedigt werden können, als durch Suchtmittel.

Hinter jeder Sucht verbirgt sich ein sehr berechtigtes Bedürfnis. Kann das, was eigentlich gewollt ist, angenommen werden, ist es auch möglich zu prüfen, wie der Bedarf (auch ohne Droge) befriedigt werden kann.

Persönliche Energie muss nicht „gegen“ ein Verhalten eingesetzt werden. Gegengegenankämpfen erzeugt immer Druck und Widerstand.

Achtete man stattdessen auf Wohlbefinden, Beziehung, Sinn, dann geschieht Entwöhnung eher nebenbei.

Nikotin vor, während und nach der Pandemie

Für die Geschäfte der Tabakindustrie war die Covid-Pandemie optimal. Angst und Panik vor dem Erstickungstod wurden auch mit Nikotin beruhigt. Die Reklame wurde nicht eingeschränkt. Die Maskengeschützten kauften fleißig weiter für den Lungenkrebs.

Brave Menschen im öffentlichen Raum, die glauben sich durch Masken schützen zu können. Vorbei an Krankheit fördernder Rauchreklame. Bild: Jäger, Bahnhof Düsseldorf, Juni 2020.

Der die Nikotinreklame wurde nicht eingeschränkt und die Zigaretten bleiben billiger als in anderen europäischen Ländern.

Mit Beginn der Covid-Pandemie 2020 schien sich für einige kritische Epidemiolog:innen eine günstige Gelegenheit zu bieten, die Tabakindustrie zu schwächen.

Denn Nikotinprodukte verursachen Lungenerkrankungen, Krebs, Immunstörungen u. v. a. und führen so zu vorzeitigem Tod. Wenn man also die neue Grippe fürchtet, müsste man logischerweise das Rauchen sein lassen.

Zitat: „ … die Zahl der COVID-19-Todesfälle (liegt) weit unter der durch Tabakkonsum verursachten Belastung. Außerdem sterben an COVID-19 vorwiegend ältere Menschen mit mehreren Grunderkrankungen, während die Hälfte der Todesfälle durch Tabakkonsum bei Menschen zwischen 30 und 69 Jahren auftritt“. (Ioannides, Lancet 26.10.2021)

Tabak-Werbung und Verkauf in Zeiten des Lockdownim März 2020, Bild: Jäger

Um die Sterblichkeit zu senken (und für eine Entlastung der Intensivstationen zu sorgen), wäre es also selbst im tabakindustrie­freundlichen Deutschland folgerichtig gewesen, den Tabakkonsum (zumindest vorübergehend) zu verbieten.

Das Gegenteil war der Fall. Die Interessen der Tabakindustrie wurden nicht angerührt.

Obwohl bekannt war, dass Feinstaubbelastung, die auch beim Rauchen entsteht, zur Covid-19-Mortalität beitrug. (Pozzer 2020, Harvard 2020, Valdés-Aguayo 2021)

Noch bedeutsamer war, dass Nikotin die Funktionen der Vagus-Nerven beeinträchtigt, über den Herz, Atmung und Immunsystem zu beruhigt werden.

Das aufgenommene Nikotin wirkt auf das „nikotinartige“ Signalsystem (u. a. der Immunzellen) und stört es. Bei älteren Personen (mit vorgeschädigter zellulärer Atmungsfunktion) wird so das Risiko erhöht, einen sogenannten Zytokin-Sturm zu erleiden, der zu schweren und lang andauernden Verläufen führen kann.

Anzeige der Zigarettenindustrie in der „Zeit“, Dezember 2022.

Bei Kleinkindern verlief die CoV-Infektion meist symptomfrei. Aber Kleinkinder waren indirekt durch Quarantänemaßnahmen stärker Passivrauch ausgesetzt, was sich nachteilig auf die Ausreifung des „nikotinartigen“ Immunsystem-Regelkreises auswirkt. Und weil ältere Kinder und Jugendliche, in Folge vermehrter Stressbelastung schneller zu Zigaretten und anderen Suchtmitteln griffen.

Werbung und Verkauf von Nikotinprodukten wurden während der Pandemie nicht gestört. Stattdessen bewirkte die große Verunsicherung Angst, Stress und Panik, und steigerte damit (wie immer in Kriegen oder Katastrophen) die Nachfrage nach Nikotin:

2019 rauchten in Deutschland noch 29 % der Bevölkerung, Ende 2022 waren es schon 36 %. Bei über 25-Jährigen hat Rauchen pandemiebedingt um 41 % zugenommen. Bei 14-17-jährigen um 16 %. (Debra 2022)

Neue Werbestrategie nach der Pandemie

rauch arzt
Würde er heute E-Zigaretten rauchen?

Auf dem Pandemie-Marketing-Erfolg wünscht die Tabakindustrie anschließend zukunftsbewusst aufzubauen: Sie bewirbt das Geschäftsmodell „Reine Nikotinsucht ohne Feinstaub-Risiko“. Der Strategiewechsel war dringend erforderlich, da das neuseeländische Beispiel Nachahmer findet, z. B. in Spanien, wo Tabakhersteller künftig Zigarettenkippen wegräumen sollen. (Guardian 03.01.2023)

Jetzt soll es endlich möglich sein, ohne Reue Nikotin zu dampfen und sich dabei noch sexy, modern und gesundheitsbewusst zu fühlen. Weil bei e-Smoke, Vaping oder Shisha die Schadstoffe des Zigaretten-Teers wegfallen. Inhaliert werden nur elektronisch erhitzte Aroma-Flüssigkeiten. Mit vielen beigemixten Designer-Zusatzstoffen, die u. a. nach Gummibärchen oder Lakritze schmecken können, und die „eher nebenbei“ reines Nikotin enthalten.

Sollen E-Zigaretten bald „ärztlich empfohlen“ werden?

Die Tabakindustrie arbeitet daran. Sie versucht, Ministerien, Krankenkassen und Ärzt:innen mit dem Argument zu überzeugen, dass sie den mehr als 1,3 Mrd. Menschen helfen könnten, die sich nicht von ihrer Sucht trennen.

switch to blue
Killing me softly!

Das würde dazu führen, dass noch weniger Menschen den endgültigen Absprung von diesem Suchtmittel schafften. Denn die inhalierte Nikotin-Dosis kann bei E-Zigaretten um ein Vielfaches höher liegen als bei herkömmlichen Tabakprodukten.

Damit steigen das Suchtpotenzial und die Wahrscheinlichkeit für Störungen, die direkt durch Nikotin verursacht werden. Ist erst einmal eine Nikotinsucht etabliert, werden die Betroffenen, gelegentlich, zu herkömmlichen Zigaretten greifen.

Durch steigende Nutzerzahlen von E-Zigaretten wird die Zahl der Lungenkarzinom-Fälle möglicherweise zurückgehen. Dafür wird die Zahl unterschiedlicher Immunstörungen zunehmen, und vielleicht auch die Zahl von Krankheiten, die wir noch gar nicht kennen. (McKee 2015)

Mehr

Literatur

Broschüren und allgemeine Informationen

Passivrauchen, Schwangerschaft, Kleinkinder, plötzlicher Kindstod

  • Bejjani C et al: The dorsal motor nucleus of the vagus (DMVN) in sudden infant death syndrome (SIDS): Pathways leading to apoptosis, Review Respir Phys Neurobiology 2012
  • Ferrence R (Ed): Passive smoking and children BMJ 2010;340:c1680
  • Peppone LJ et al: Associations between adult and childhood secondhand smoke exposures and fecundity and
    fetal loss among women who visited a cancerhospital, Tobacco Control 2009;18:115–120
  • Tang S: Expression of brain-derived neurotrophic factor and TrkB receptor in the sudden infant death syndrome brainstem Respiratory Physiology & Neurobiology, 2012, 180(1): 25–33

e-Smoke

  • BMJ 2015: Why e-cigarettes are devising the public health community. Gornall J, BMJ 27.06.2015:15-16
  • Kripke D et al: Hypnotics association with mortality and cancer, BMJ Open, 2012; 2:e000850
  • McKee et al: Evidence about electronic cigarettes: a foundation built on rock or sand? BMJ 2015; 351:h4863

Vermarktungskampagnen

  • Geschichte und Übersicht der Tabakwerbung: SRIDA
  • Lee S: Creating demand for foreign brands in a ‚home run‘ market: tobacco company tactics in South Korea following market liberalisation Tob Control. 2012 Nov 14. [Epub ahead of print]
  • Grüning T: Tobacco industry attempts to influence and use the German government to undermine the WHO Framework Convention on Tobacco Control: Tob Control. 2012, 21(1):30-8.

Anti-inflammatorischer Reflex

  • Huston  JM: Surg  Infect (Larchmt). The vagus nerve and the inflammatory reflex:  wandering on a new treatment paradigm for systemic inflammation and   sepsis, 2012 Aug;13(4):187-93. Epub 2012 Aug 22
  • Thayer JF: Inflammation and cardiorespiratory control: The role of the vagus nerve, Respir Physiology & Neurobiology 178 2011) 387-394
  • Tracey KJ (June 2009). Reflex control of immunity. 9. pp. 418 Nature Review Immunology
  • Rosas-Ballina   M, Peder S. Olofsson at al. „Acetylcholine-Synthesizing T Cells Relay   Neural Signals in a Vagus Nerve Circuit.“ Science. 2011 Oct   7;334(6052):98-101

Rauchen & Covid-19

Letzte Aktualisierung: 24.11.2025