Post-faktische Wahrheiten.

Die Leute mögen keine Tatsachen. Sie verkomplizieren die Dinge.
Im Grunde wollen sie nur wissen: Wer sind die Guten und wer die Bösen.
Yes Minister by Anthony Jay & Jonathan Lynn

Post-Faktisch

Das Oxford Dictionary kürte 2016 das Wort „Post-faktisch“ (post-truth) zum Wort des Jahres. Das Eigenschaftswort werde inflationär genutzt und kennzeichne ein neues gesellschaftliches Phänomen:

„Umstände, in denen objektive Tatsachen die öffentliche Meinung weniger stark beeinflussen,
als Emotionen und persönlicher Glaube“ .

Populisten und Demagogen hielten sich nicht mehr an das „was ist“, sondern behaupteten stattdessen, was ihnen passe. Trotzdem glaube man ihnen, denn im Kampf um die Meinungshoheit würden immer perfektere Mittel zur Manipulation eingesetzt. (Spiegel, Cicero Dez. 2016).

Kellyanne Conway erfindet „Alternative Fakten“

Im post-faktischen Zeitalter müsse man nicht mehr (wie früher) „lügen“ oder „alternative Wahrheiten“ erfinden. Die Menschen seien zunehmend verwirrt, und daher nicht mehr zur Verarbeitung komplizierter Tatsachen fähig oder an komplexen Zusammenhängen interessiert. Stattdessen vertrauen sie dem was ihnen als plausible Wahrheiten vorgesetzt werde. Sie wollten sich bestätigt fühlen, und nur das hören, was sie glauben sollen. (Economist 09.09.2016).

„Es ist der Wille des Volkes!
Ich bin ihr Führer! Ich muss ihnen folgen! “
Yes Minister by Anthony Jay & Jonathan Lynn

Wenn wir aus den Massen-Medien von Gas-Anschlägen, Terror, Hacker-Angriffen, Vergeltungsschlägen, Morden und Kapital-Verbrechen erfahren, dürfen wir dann wirklich hoffen, Wahrheiten zu erfahren? Können wir sicher sein, dass nur die jeweils anderen „lügen und betrügen“?

Alles was jemals gesagt wurde, wurde von jemandem gesagt.
Humberto Maturana

Niemand wird z.B. die volle Wahrheit über Stalins Tod erfahren. Aber macht es nicht einen „Heiden“-Spaß, selber zu denken, und sich auszumalen, wie es (angesichts narzistisch machtgeiler Psychopathen) auch gewesen sein könnte?

Politiker lügen seit 3.000 Jahren.

Der Glaube an eine unumstößliche Wahrheit hält eine Herde, im Vertrauen auf gute Hirten, in gewünschten Verhaltensmustern zusammen. Und dafür werden Wahrheiten gebraucht. Oder alternative Wahrheiten, um eine andere Herde zu verwirren. Zweifelnde, selber-denkende Menschen neigen dazu, dort zu stöbern, wo man nicht hinsehen sollte. Das ist in der Regel unerwünscht, und wird seit drei Jahrtausenden als Verschwörung, Ketzerei oder Fake-News bekämpft. (Fabian 2016)

Vor etwa 2.500 Jahren gelang ein besonders pompöser „Triumph der Wahrheit über die Lüge“:

Darrius und die Lügner
Darius I (der Große) vernichtet die neun Lügenkönige. Darüber schwebt Zahrathustra’s „Reine Wahrheit“ des einen, guten Gottes. Felsrelief am Berg Behistun nahe Kermanshah. Bild Wiki

Darius I hatte als „Lanzenträger“ des persisch-medischen Großkönigs Kambyses II (Sohn von Kyros II) am Erfolg der Eroberung Ägyptens mitgewirkt. Als sein König unter merkwürdigen Gründen verstarb (angeblich nach einem Reitunfall), eilte er mit wenigen militärischen Freunden zur Hauptstadt Susa, um die Thronbesteigung des Bruders des Verstorbenen (Bardiya) zu verhindern. Man lies die herbeigeeilten hohen Offiziere zur Überbringung ihrer wichtigen Todesnachricht sofort zum Prinzen vor, den sie dann ohne zu zögern erschlugen. Soviel scheint u.a. durch Herdot historisch belegt zu sein.

Alles Übrige ist Wahrheit und / oder Lüge.

Darius habe nämlich Bardiya gar nicht erschlagen, sondern nur einen schamanistischen Priester namens Gautama, der den armen Königssohn schon lange zuvor aus dem Weg geräumt, und anschließend so getan habe, als sei er selbst  Bardiya. Das sei ihm durch Magie so perfekt gelungen, dass niemand in Susa, auch nicht die „Witwe“ und die anderen Haremsdamen, einen Verdacht geschöpft hätten. Diese „offizielle Wahrheit“ des neuen Herrschers hatte natürlich ein gewisses „Gschmäckle“ . Folglich glaubten neun mächtige Provinzfürsten eher an die Lügenversion, dass Darius in Wirklichkeit ein skrupelloser Königsmörder sei.

Die alte, unauflösbare Wahrheitsgeschichte zeigt anschaulich, wie sich eine „richtige, in Stein gemeistelte Version“ durchsetzen konnte. Natürlich auch durch Macht, Schlauheit und Gewalt, denn „Wahrheit“ zeigt immer die Perspektive der Sieger. Zusätzlich benötigte Darius aber ein höheres, übergeordnetes moralisches Konzept (eine Wertegemeinschaft), der sich alle Ethnien seines Vielvölkerstaates unterordnen konnten.

Bereits sein Vater Kyros II hatte dazu mit der Einheitsreligion des Zarathustra geliebäugelt, und war von den Juden im Babylonischen Exil als gottgesandter Erlöser gefeiert worden. Aber erst Darius I errichtete mit der monotheistischen, Schamanismus-feindlichen Ideologie, den ersten straff organisierten Gottesstaat der Erde. Damit war ihm der höchst-denkbare Segen sicher, und alle weiteren alternativen Wahrheiten erwiesen sich als Gotteslästerungen. (Holland 2011, Iriye 2017)

Was tun, wenn Wahrheit nur geglaubt werden soll, aber nicht überprüft werden kann?

Medien-Konsumenten, die, ob sie es wollen oder nicht, gelenkt und geleitet werden, haben es, selbst wenn sie es wollten, zunehmend schwer, sich im Gewirr immer perfekter inszenierter Wahrheiten oder Lügen zurechtzufinden. Meist werden sie nie erfahren, „wie es wirklich war“. Aber nichts hindert sie daran, sich Fragen stellen, um sich in der Welt, in der sie leben, zu orientieren

  • Was wird nicht gesagt? Welche Einzelfakten fehlen in den Berichten?
  • Wem nutzt es? Wem schadet es?
  • Wer verdient? Wer verliert?
  • Was steht zwischen den Zeilen?
    („sicher ist / angeblich sei“ oder „mutmaßlich, eindeutig“ oder „Terrorist, Freiheitskämpfer, Soldat, Söldner“ …)
  • Könnte es auch weniger offensichtliche Beweggründe geben? (Rohstoffe, Finanzen, Macht)
  • Um was geht es „eigentlich“? (rational, irrational, emotional)
  • Wo endet der Sinn? Wo beginnt der Wahnsinn?
  • Welche Grauschattierungen liegen zwischen Schwarz und Weiß?
  • Ist der Böse von heute nicht der Gute von gestern oder umgekehrt?
  • Könnte es auch ganz anderes gewesen sein?

Der Reiz des „Post-faktischen“: Es ist konsequent einfach

Die Realität ist komplex und verändert sich eigendynamisch, und oft von Zufällen beeinflusst, undurchschaubar. Zwangsläufig ist die Zukunft ungewiss. Dagegen vermitteln einfache Modelle der Realität, die denen, die ihnen vertrauen, wahr erscheinen, und ihnen Geborgenheit vermitteln in einer geleiteten Glaubensgemeinschaft.

So wie sich Kirchen nur in ihrer Größe, aber nicht grundsätzlich, von religiösen Abspaltern, Sekten oder Esoterikern unterscheiden, so ist auch die jeweilige Mainstream-Meinung vom Prinzip nichts anderes als eine Minderheits-Meinung. Beide kämpfen gegen den Wahn der jeweils anderen, natürlich auch, indem sie verschweigen, manipulieren, lügen, betrügen oder Verwirrung stiften.

Da im Zeitalter der Digitalisierung alle bis zum Überdruss mit Einzelinformationen überschüttet werden, ist die Sehnsucht groß nach Ex-Formation, dem Löschen unwichtigen Datenmülls, und nach Sinn: der Einordung der Information in einen persönlichen Bedeutungszusammenhang.

Die vielen fragmentierten Fakten, die nicht in einem sinnvollen Beziehungsnetz eingeordnet werden können, lösen Angstgefühle aus. Eigentlich ist Angst ein nützliches Gefühl, denn es unterbricht eine Handlungsfolge, und ermöglicht so eine Denkpause, in der man eine zielorientierte Fixierung lösen, innehalten und sich nach den Möglichkeiten umschauen könnte, die sich gerade bieten. Gelingt das, wandelt sich Angst in eine anderes Gefühl, das hinführt zu neu-gestalteter Aktivität: Neugier z.B., vielleicht aber auch Überraschung, Ärger oder Wut. Kann die Angst durch eine sinnstiftende Kommunikation nicht beruhigt werden, kippt das Gefühl ab in primitivere Verhaltensmuster wie Stress, oder noch schlimmer in Lähmung oder Erstarrung. Um sich daraus wieder zu befreien, müssen Fakten verdrängt und einfache Gegner gefunden werden, die man bestrafen, zurückdrängen oder besiegen kann.

So entsteht Abwehr, Aggression oder Verdrängen, um gemeinsam in der Wahngemeinschaft populistischer Leitkulturen zur (vermeintlichen) Sicherheit zurück zu finden.  Wenn diese Sehnsucht erst viele erfasst hat, genügen wenige bösartig-rationale Tricks um große Emotionen auszulösen, die dann leicht in eine Massen-Trance führen können. In diesem Stadium ist der Bezug von Fakten zur Realität völlig irrelevant, da sie ausschließlich dazu dienen, das Böse zu dämonisieren und das Gute zu erhöhen.

„Es gibt ein paar Arschlöcher auf der Welt, die einfach erschossen gehören!“
General James Mattis. US-„Verteidigungs“-Minister a
m 02.12.2016

Der Psychiater McGilchrist glaubt, dass die Menschen heute gerade deshalb so verstört und für Ideologien anfällig seien, weil das Trennende und die Anhäufung toter Fakten-Berge immer mehr Bedeutung erhalte, und gleichzeitig der Sinn für Beziehungen, Zusammenhänge  und für die Dynamik lebender Systeme abhanden komme. Und weil die, die für die Massen die Daten produzieren, manipulieren, erfinden, vermarkten und präsentieren, kein Vertrauen mehr verdienen.

Die Bedeutungsverluste der nicht mehr überschaubaren Faktenberge und die Zunahme von Stress, sind typische Verhaltensmuster krisenhafter Entwicklungen. Sie entziehen dem, was die meisten Verängstigten konservativ-beharrend wünschen, die rationalen Zukunftsperspektiven.

Daraus ergeben sich Widersprüche.

Dem „Westen“ ist, spätestens seit der letzten US-Präsidenten-Wahl die „Wertegemeinschaft“ abhanden gekommen, zugunsten kurzfristiger Ziele wie „qualitatives Wachstum“ (SPD) oder „nachhaltiges Wachstum“ (CDU/CSU) auf Kosten der Gesamtheit des Ökosystems der Erde. Zugleich ist die Erschöpfung der menschlichen Lebensgrundlagen für alle, die hinsehen wollen, überdeutlich. Also müsste man die WählerInnen darauf vorbreiten, dass die Zeiten des raubtierhaften Wachstums vorbei seien, und man nun (qualitativ) anderes leben und wirtschaften müsse. Das aber würde die ohnehin schon miserablen Wahlchancen weiter verschlechtern. Also verkündet man die Illusion des „Immer weiter so“, die global zunehmend in die Krise gerät. Da die Verängstigen solche Widersprüche natürlich wahrnehmen, laufen sie, wie gerade in Ungarn, zu denen, die, durch Einigelung, Hass auf andere und Abgeschottung, Sicherheit und Geborgenheit versprechen. Wenn dann „Gut und Böse“ einfach getrennt sind, ist man auch gerne dabei, wenn die dämonsierten äußeren Feinde bekämpft und vernichtet werden sollen.

Many dead, including women and children, in mindless CHEMICAL attack in Syria. Area of atrocity is in lockdown and encircled by Syrian Army, making it completely inaccessible to outside world. President Putin, Russia and Iran are responsible for backing Animal Assad. Big price… Donald Trump 08.04.2018

„Fakten“ sind in solchen Zeiten nur noch (manchmal auch inzenierte) Anlässe, um  als „unanzweifelbare Indizien“ oder „sichere Vermutungen“, um Brutalität zu rechtfertigen, wie den völkerrechtswidrigen Irak-Krieg 2003: (Video: Die Verkündung der Wahrheit)

Könnte es auch sein, dass mit dem Abzug der (je nachdem) „Glaubenskrieger oder Freiheitskämpfer oder Terroristen oder Söldner oder Verbündeten“ aus der Nähe von Damaskus, eine global führende Machtgruppe einen Krieg verloren, und eine andere ihre Einflusszone ausgeweitet hat? Musste es dann nicht irgendeine Sorte „von gesicherten Fakten“ geben, um dieses Szenario zu wenden, auch wenn man damit riskiert, die Menschheit frühzeitig in die Steinzeit zurück zu befördern?

Der Nachteil lebender Realität: Sie ist komplex

Bano arabe
Friedvolles menschengestaltetes Ökosystem. Bild: Jäger 2018 Palma / banos arabes

Die Menschheit als Spezies hätte eine Chance, wenn die aggressiven „post-faktischen Zeiten“ nichts weiter wären als eine historisch vorübergehende, wenn auch schmerzhafte Übergangsphase destuktiver durch Gier, Wahn und Suchtverhalten ausgelöster Machtkämpfe.

Seit einem halben Jahrhundert versuchen WissenschaftlerInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen und sogar Religionsführer auf eine Transformation, hinzuwirken, auf die Entwicklung eines ökologisch nachhaltigen Sinnzusammenhangs.

Gäbe es einen Sinn, wie das Leben in dem Raumschiff Erde freidlich gedeihen könnte, würden tote Einzeldaten („Fakten“), die hauptsächlich dazu dienen, „Wahrheiten oder Lügen“ zu belegen, an Bedeutung verlieren. Denn man würde dann mehr miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Wegen suchen, wie komplexe Systeme sich kooperierend und friedvoll entwickelten. Dazu würden (statt der Einzeldaten) Beziehungen und die Wirk-Zusammenhänge lebender sozialer und Öko-Systeme in den Vordergrund treten.

Man würde sich dann z.B. in Gesprächen Gedanken machen, wie man ein zerstörtes Land neu entwickeln könnte. Da aber dazu den wahnhaften Steinzeit-Psychotikern im Atomzeitalter die Ideen fehlen, glauben sie noch kräftiger zuschlagen zu müssen. Vielleicht wieder mit der „Mutter aller Bomben“ wie in Afghanistan 2017? Herrscht dort seither Frieden oder wenigsten Grabesruhe?

Mich erinnert der Wahn gieriger Machtinteressen mit ihren entsetzlichen Kollateralschäden, an die bohrenden Fragen an meinen Vater, der klar-sehend, nichts gegen den kollektiven Irrsinn seiner Generation unternommen hatte. Warum hatte er sich mit den damaligen als Wahrheiten daherkommenden Lügen abgefunden? Warum lief er mit, und machte sich so mitschuldig, nur um seine eigene Haut zu retten?

Unsere Kinder, oder spätestens unsere Enkel, werden uns das Gleiche fragen.

Du kennst (1). Daher glaubst du zu wissen, was (2) ist.
Denn (1) + (1) = (2).  Bist du dir sicher, was (+) bedeutet?
Sufi

Mehr

Links

Literatur

  • Fabian F: Die größten Lügen der Geschichte. Wie historische Wahrheiten gefälscht wurden. (u.a. Moses, Alexandern Caesar, Paulus, …) Bassermann.ISBN 978-3-8094-2513-7
  • Holland T: Persisches Feuer. rororo 2011. ISBN 978 3 499 62666 1
  • Iriye A, Oterhammel J: Geschichte der Welt. Vor 600. C.H.Beck 2017. ISBN 978 3 406 64101 5

Autor: Helmut Jäger